VOM VALDARNO INS CASENTINOTAL: 2-Tage-Wanderung

Vor hundert Jahren war es noch ganz normal, sich zu Fuß fortzubewegen. Und auch heute bringt eine Wanderung oft mehr Erkenntnis, als ein touristischer Ausflug mit dem Auto.

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Die Wanderung beginnt an der Absperrung in Casabiondo, wo man auch das Auto parken kann.

Die Neugierde hinter den Berg zu sehen motiviert mich, einen 2-Tages-Ausflug ins Ungewisse zu unternehmen. Ich beginne meine Wanderung, die mich über den Pass von Gastra ins Casentinotal führen soll, am Ort Casabiondo in Piandiscò auf 437 Höhenmetern. Der Wanderweg ist vom italienischen Wanderverein CAI mit weiss-roter Markierung und der Nummer 19 gut gekennzeichnet.

Die abweisende Absperrung am Beginn der Wanderung erzählt bereits eine Geschichte: der Großgrundbesitzer, dem 800 Hektar Land in der Gegend gehören, möchte nicht, dass Unbefugte mit dem Auto auf den Berg fahren. Der Streit um die Öffnung der Straße hat Tradition.

Der Wanderweg ist breit und teils mit Steinen gepflastert. In geringer Entfernung rauscht der Gebirgsbach Resco. Ich komme vorbei an Bienenhäusern und einem verlassenen Haus. An der sogenannten “Zweiten Brücke” (die erste sieht man vom Weg aus überhaupt nicht) führt rechts ein Pfad zum Fluss, im Sommer ein beliebter Badeort der Einheimischen, der sogenannte “Strand von Piandiscò”.

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Der Gebirgsbach Resco bietet Erfrischung

Weiter windet sich der Weg nach oben, eine dritte Brücke wird passiert, bis ich nach beinahe 2 Stunden in Gastra bin. Das verlassene Bauerngehöft war bis nach dem Krieg bewohnt. Ich stelle mir vor, wie die Kinder der Bauern diesen Weg in die Dorfschule gingen, hinunter und hinauf, jeden Tag. In Gastra macht der Weg einen scharfen Knick nach links und wenige Meter danach zweigt rechts der Weg zum Pass ab.

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Bis nach dem Zweiten Weltkrieg lebten Familien in Gastra und bewirtschafteten das Land.

Nachdem vorher Olivenhaine und lichter Mischwald das Bild bestimmten, kommt nun ein Stück dunkler undurchdringlicher Nadelwald.

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Ein Wald wie im Märchen von Hänsel und Gretel. Verlaufen möchte ich mich hier nicht.

Der Weg ist jetzt steil und schmal und nicht mehr gut gepflegt, aber man sieht die Markierungen deutlich.

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Ab und zu stehen Baumriesen am Weg.

Danach erste Lichtungen, ich sehe, dass der Gipfel nicht mehr allzuweit über mir liegt. Am Wegrand Farne, die Vegetation geht schließlich in Buchenwald über. Ich überquere zwei, drei Bächlein, die im Sommer allerdings fast kein Wasser führen.

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Der erste Blick, endlich oben auf dem Pass.

Nach exakt vier Stunden Aufstieg bin ich unvermittelt auf dem Gipfel. Der Pass von Gastra auf fast 1400 Metern Höhe ist eine Mulde zwischen zwei Anhöhen und bietet einen hübschen Ausblick ins Casentinotal.

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Auf dem Bergkamm befindet sich der Wanderweg 00. Hier entlang könnte man bis zum Gipfelkreuz in 1592 Metern Höhe laufen.

Ich wende mich nach links und gehe auf dem Kammweg 00 entlang bis ich zum “Uomo di Sasso”, dem Mann aus Stein komme. Der Uomo di Sasso soll sich seit vielen Jahrhunderten an dieser Stelle befinden und eine Wegmarkierungen von Wanderschäfern gewesen sein, die bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Sommer ihre Tiere auf dem Pratomagno weideten und im Winter dann in die wärmere Maremma zogen.

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Nach dem Wäldchen geht es rechts Richtung Tal.

Nach dem Uomo di Sasso steuere ich auf ein kleines Wäldchen rechterhand zu. Ihm entlang gehe ich ohne Weg ca. 100 Meter Richtung Tal. Dann stoße ich auf einen breiten Forstweg, der mich direkt (naja nach ca 45 Minuten Serpentinen) auf die Panoramastraße hinunter bringt. An der, auch von Autos befahrbaren, einzigen Bergstraße des Pratomagnogebirges führt eine ausgeschilderte und sogar geteerte Straße 800 Meter hinunter nach Bagni di Cetica.

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Am Ort Bagni di Cetica sollen sich im 11. Jh. zufällig die Heiligen San Romualdo aus Camaldoli und San Giovanni Gualberto aus Vallombrosa begegnet sein. Den beiden, so heißt es, sei zudem der Hl. Romolo erschienen. Seit dieser Zeit werden der Wasserquelle besondere Eigenschaften zugeschrieben.

Dies ist ein interessanter Ort. Familien mit Kindern suchen ihn gerne auf, weil eine riesige von uralten Bäumen beschattete Wiese und ein Spielplatz Beschäftigung und Vergnügen garantieren. Außerdem heißt der Ort nicht umsonst “Bagni di Cetica”. Die Quelle, die hier entspringt, ist allerdings eiskalt. Das 7 Grad kalte Wasser soll die Lebensgeister erwecken und das tut es, denn man meint im Wasser zu erfrieren. Dem Wasser werden außerdem heilende Eigenschaften für die Nieren zugeschrieben. Erfrischend ist es nach der fast 6-stündigen Wanderung allemal.

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Eiskaltes Wasser in einem 2 mal 3 Meter großen Becken, eine etwas andere Badeanstalt.

Bagni di Cetica ist Badeanstalt und gut besuchtes Restaurant, man kann in den einfachen Zimmern außerdem auch übernachten. Die Nacht war windig, aber am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne. Ich breche zum Rückweg auf. Mir kommt die Idee, zuerst ein Stück die Panoramastraße entlang zu laufen und einen anderen Weg zum Gipfel zu suchen. Das sollte man besser lassen, denn Holzfäller lichten den Wald und der von mir gewählte unbeschilderte Waldweg nach oben endet im Nichts.

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Aufräumen im Wald muss auch sein. Aber besser, man nimmt den gleichen Weg wie am Vortag.

Jetzt heißt es ca. einen Kilometer bis zum Gipfel durchs Dickicht zu stolpern. Verlaufen kann ich mich ja nicht, denn ich muss nur nach oben. Nach einer Stunde sehe ich ein Ende des Waldes und erkenne den Uomo di Sasso.

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Der Rest der Wanderung verläuft angenehm und beim Abstieg ins Tal merke ich, wie die Temperatur langsam ansteigt. Auf dem Berg war es frisch und auch im Hochsommer gut auszuhalten. Eine empfehlenswerte Tour für Wanderer mit einem Minimum an Kondition.


VERSCHLUCKT vom grünen Paradies

Im Italienischen heißt es: “il tempo vola” – die Zeit fliegt. Im Urlaub ist man besonders gehalten, die Zeit zu optimieren und die erinnerungswürdigste Erfahrung in der knappsten Zeit zu machen – dazu noch gut ausgeschildert.

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Wandermöglichkeiten zwischen Vaggio, Montanino und Reggello

All dies finde ich heute nicht, als ich bei Vaggio anfange, die sandsteinernen Hügel zu erkunden, die “Balze” genannt werden. Schilder gibt es keine, die Wege verlieren sich nach einigen hundert Metern in dichtem Gebüsch und großartige Erlebnisse kann ich auch nicht verbuchen. Und doch regt dieser morgendliche Ausflug ins Unbekannte jenseits der letzten Häuser der Ortschaft zum Nachdenken an.

Parken kann man neben der Kirche und ein breiter Feldweg (auf der Karte blau markiert) führt direkt auf die Balze zu. Neben dem Weg liegen dicht an dicht Gärten, in denen Tomaten, Zucchini und Salat angebaut werden, Obstbäume finden sich und Mais. Man sieht, wie viel Arbeit sich die Hobbygärtner und Rentner machen, die bereits zur frühen Stunde, berieselt von einem krächzenden Radio, ihre Pflanzen wässern. Ein Geheimnis der toskanischen Küche liegt in den hervorragenden lokalen Zutaten.

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Eingezäunte Gärten säumen den Weg

Als ich einen alten Mann mit jungenhaft glattem Gesicht frage, ob der Weg zu einem Ziel führe, zuckt der resigniert mit den Schultern:”I tempi son cambiati” – Die Zeiten haben sich geändert. Er erzählt mir, wie die Kinder in den 50er Jahren oft eine Stunde zu Fuß in die Grundschule laufen mussten, wie Stimmen von den Hügel ringsum schallten, denn die Bauern bewirtschafteten die Felder.

Heute begegne ich den ganzen Morgen über – abgesehen von dem Alten – niemandem. Ich gehe geradeaus und der Weg führt in den Wald. Kaum lasse ich die befahrbare Straße hinter mir und tauche ein ins Grün, holt die Natur sich das einst entzogene Terrain zurück, Äste wuchern auf Augenhöhe und der Weg ist von vergangenen Regengüssen gezeichnet. An einer Gabelung halte ich mich links und steige ins Tal hinab.

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Unten im Tal

Zuerst nehme ich wahr, wie viele verschiedene Arten von Grün es gibt. Die üppigen Büsche, Farne und Bäume deklinieren Farbtöne, die die Kamera nicht annähernd imstande ist abzubilden. Kein Auto ist mehr zu hören. Kein von Menschen erzeugter Laut. Dafür hebt ein durchdringendes Konzert der Vögel an, Amseln warnen, der Kuckuck ruft. Über mir schwebt ein Falke, eine Krähe schreit ihr durchdringendes Kra-Kra. Am Wegrand raschelt es, Eidechsen huschen hin und her. Ein Fasanenmännchen versucht mit wiederholtem Gock-Gock ein Weibchen anzulocken, das sich allerdings nicht blicken lässt. An einem verfallenden Haus kläffen mich zwei weiße Maremmanerhunde wütend an, so dass ich beschließe umzukehren.

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Detail der wie Stalagmiten oder Stalaktiten wirkenden Balze

Mit dem Auto fahre ich Richtung Montanino und biege beim Schild “Rio di Luco” ab, um mich von der anderen Seite den Balze zu nähern (auf der Karte gelb markiert). Dieser Einstieg ist einfach, die Straße bisweilen sogar asfaltiert, ein ebener Weg entlang einem Bächlein lädt ein zu einem bequemen Spaziergang. Ein weiblicher Fasan kreuzt die Straße. Ob sie ihren männlichen Kollegen finden wird, der ungefähr einen Kilometer weiter auf sie wartet? Ich gelange von dieser Seite an die Rückseite des Hauses mit den Maremmanerhunden. Auch auf diesem nicht näher als Wanderweg gekennzeichneten Weg hat man einen schönen Blick auf die Balze.

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Blick auf die Balze von Reggello kommend

Auf einer älteren Karte sind in dem Gebiet Höhlen verzeichnet, in denen früher Lebensmittel gelagert wurden, oder sich im Zweiten Weltkrieg Partisanen versteckten. Von Reggello kommend (grüne Markierung) möchte ich noch herausfinden, ob die Höhlen auffindbar sind. Um es kurz zu machen: nicht von mir. Auch hier ist der Weg Richtung Balze ein Sprung in die Natur. Zwei Rehe verharren reglos und schauen mich an, bevor sie in die entgegengesetzte Richtung in den nächsten Wald verschwinden.

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Ein Reh fixiert mich sekundenlang, bevor es in den Wald zurückspringt

Eine zugegebenermaßen wenig touristische Erfahrung, dieser Morgen. “Die Zeit fliegt”- und ich frage mich, wohin sie geflogen sein mag.

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