PULICCIANO: Ein Sonntagsspaziergang

Was tun, wenn man nur 2 oder 3 Stunden Zeit hat? Im Juni simmert das Tal bereits in der Hitze, so dass ein Spaziergang auf den bewaldeten Berg ratsamer ist. Parken kann man bequem vor der romanischen Pfarrkirche von Pian di Scò, deren Ursprünge sicher weiter als die 1000 Jahre zurückliegen, die man ihr zugestehen will.

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Die romanische Kirche von Pian di Scò

An der antiken Römerstraße Cassia Vetus empfing sie Pilger und Reisende, die von Fiesole nach Arezzo unterwegs waren. Außen sieht man bereits an den Steinen, dass die Kirche in zwei verschiedenen Epochen erbaut wurde, ein Teil grobe Quader, der andere samt Kirchturm aus kleinen zusammengewürfelten Steinen und Ziegeln. Kurios das Innere, das zum Altar hin ansteigt, als wäre die Kirche ein Schiff im Seegang – vielleicht liegt eine Krypta unter dem Fußboden des Altars?

Die Verzierungen der Säulen sind entwaffnend naiv und gerade deshalb ausdrucksstark, die Tier- und Handwerksmotive halten langobardische Traditionen wach. Gerade als ich die Kirche verlasse, treten zwei Mountainbiker in Radlerkluft ein, um die Pieve zu besichtigen – oder ein bisschen Kühle zu genießen.

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Kunst fuβt auf Handwerk – das Instrument an der Säule erinnert daran.

Nach nur 200 Metern auf der heutigen Via Setteponti Richtung Reggello zweigt nach rechts die Straße ab, die ins 3 km entfernte Dörfchen Pulicciano führt. Diese Ecke hier nennt sich „Ghiacciaia“ (ghiaccio = Eis). Wo heute das Wasser des Dorfes gespeichert und aufbereitet wird, befand sich früher, als es noch keine Kühlschränke gab, ein kühler Ort, an dem Lebensmittel gelagert wurden.

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An der Ghiacciaia geht’s rechts nach Pulicciano.

Wer es bequem möchte, kann nun den ganzen Weg auf der geteerten schattigen Straße hochlaufen. An der ersten Kurvenschlaufe schlage ich mich jedoch ins Gebüsch, wo ein schmaler Trampelpfad ebenso ans Ziel führt. Entlang einer von Pflanzen überwucherten Trockensteinmauer –  das Land hier wurde vor 100 oder 200 Jahren in mühsam angelegten Terrassen bewirtschaftet, die heute vom Wald verschluckt sind – führt der Weg durch Farne und Mischwald in die Höhe. Nach einigen Minuten kommen mir wieder die beiden Mountainbiker entgegen und erzählen, dass sie die unbekannten kleinen Kirchen und Kapellen der Gegend abfahren, um deren Gemälde und Fresken anzuschauen (Kultur und Sport ist auch eine Kombination).

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Pian di Scò von oben.

Dann mündet der Weg in die geteerte Straße und schraubt sich die letzten Windungen hoch, bis er schließlich horizontal den Berg begleitet und herrliche Ausblicke ins Tal, auf die gegenüber liegenden Chiantiberge, Richtung Florenz und auf der anderen Seite Richtung Amiata freigibt. Zuerst höre ich hier oben noch den Verkehr und das leise Rauschen der Autobahn im Tal, aber je näher ich Pulicciano komme, desto mehr verschwindet das Zivilisationsgemurmel in den Falten des Berges, bis nur noch das Zwitschern und Trillern der Amseln und das heisere Krächzen des Eichelhähers die Stille animieren.

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Das Kirchlein von Pulicciano

Vorbei an großenteils verwildernden Olivenhainen zieht sich die Straße bis nach Pulicciano. Der Ortsname rührt wahrscheinlich von dem römischen Begriff des “Fundus Publicianus” her. Auf 573 Höhenmetern lugt der malerische Ort am Rand des Bergausläufers wie von einem Balkon ins Tal. Schade nur, dass hinter den Häusern wie ein Bajonett eine riesige Antenne aufgepflanzt wurde.

 

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In der Sakristei

Heute ist Pulicciano ein beschauliches kleines Dorf, in dem viele Leute ein Wochenendhaus haben, das sie sonntags oder sommers aufsuchen. Ich kenne nur eine Person, die das ganze Jahr über in Pulicciano wohnt – und weiß noch nicht einmal wo dort genau. Als ich den Ort betrete, wird im Haus vor mir ein Fensterladen aufgerissen und Marco – von dem ich eben sprach – sieht unrasiert und verschlafen im geblümten Schlafanzug aus dem Fenster auf mich hinab. Wir müssen beide lachen.

Gleich hinter seinem Haus liegt die Kirche, deren sonore Glocken jetzt um kurz vor elf die Leute zur Messe läuten. Die Alten des Dorfes humpeln auf Krücken herbei, während ich einige bekannte Gesichter aus Pian di Scò erkenne: sie ziehen die ruhige Messe in der winzigen Dorfkirche dem sonntäglichen Getümmel im Ort vor.

An der Kirche erinnert eine Gedenktafel an den Tod des 29 Jahre jungen Priesters Bianco Cotoneschi und eines weiteren Mannes, die am 1. August 1944 gleich außerhalb des Ortes von deutschen Truppen auf dem Rückzug erschossen wurden. Ein dritter Mann überlebte, weil er sich tot stellte.

Gegenüber der Kirche darf die Dorfbar – der Circolo – nicht fehlen, die allerdings erst nachmittags um 16 Uhr aufmacht. Daneben verströmen erwachsene Mittelmeerpinien einen würzigen Duft und erinnern ans Meer.

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Die Lokalität Fratino (Mönchlein) kurz vor Pulicciano wartet auch mit philosophischen Weisheiten auf. An einer Tafel am Wegrand steht:“Such im Anderen das Gute, bewahr dir den Sinn für Humor, bedanke dich für eine gute Arbeit.“ Amen.

Zurück gehe ich ein Stück des gleichen Wegs, kürze dann aber vor dem “Agriturismo L’Oasi” durch die Felder – direttissima – talwärts ab und bin in 45 Minuten in Pian di Scò.


VOM VALDARNO INS CASENTINOTAL: 2-Tage-Wanderung

Vor hundert Jahren war es noch ganz normal, sich zu Fuß fortzubewegen. Und auch heute bringt eine Wanderung oft mehr Erkenntnis, als ein touristischer Ausflug mit dem Auto.

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Die Wanderung beginnt an der Absperrung in Casabiondo, wo man auch das Auto parken kann.

Die Neugierde hinter den Berg zu sehen motiviert mich, einen 2-Tages-Ausflug ins Ungewisse zu unternehmen. Ich beginne meine Wanderung, die mich über den Pass von Gastra ins Casentinotal führen soll, am Ort Casabiondo in Piandiscò auf 437 Höhenmetern. Der Wanderweg ist vom italienischen Wanderverein CAI mit weiss-roter Markierung und der Nummer 19 gut gekennzeichnet.

Die abweisende Absperrung am Beginn der Wanderung erzählt bereits eine Geschichte: der Großgrundbesitzer, dem 800 Hektar Land in der Gegend gehören, möchte nicht, dass Unbefugte mit dem Auto auf den Berg fahren. Der Streit um die Öffnung der Straße hat Tradition.

Der Wanderweg ist breit und teils mit Steinen gepflastert. In geringer Entfernung rauscht der Gebirgsbach Resco. Ich komme vorbei an Bienenhäusern und einem verlassenen Haus. An der sogenannten “Zweiten Brücke” (die erste sieht man vom Weg aus überhaupt nicht) führt rechts ein Pfad zum Fluss, im Sommer ein beliebter Badeort der Einheimischen, der sogenannte “Strand von Piandiscò”.

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Der Gebirgsbach Resco bietet Erfrischung

Weiter windet sich der Weg nach oben, eine dritte Brücke wird passiert, bis ich nach beinahe 2 Stunden in Gastra bin. Das verlassene Bauerngehöft war bis nach dem Krieg bewohnt. Ich stelle mir vor, wie die Kinder der Bauern diesen Weg in die Dorfschule gingen, hinunter und hinauf, jeden Tag. In Gastra macht der Weg einen scharfen Knick nach links und wenige Meter danach zweigt rechts der Weg zum Pass ab.

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Bis nach dem Zweiten Weltkrieg lebten Familien in Gastra und bewirtschafteten das Land.

Nachdem vorher Olivenhaine und lichter Mischwald das Bild bestimmten, kommt nun ein Stück dunkler undurchdringlicher Nadelwald.

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Ein Wald wie im Märchen von Hänsel und Gretel. Verlaufen möchte ich mich hier nicht.

Der Weg ist jetzt steil und schmal und nicht mehr gut gepflegt, aber man sieht die Markierungen deutlich.

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Ab und zu stehen Baumriesen am Weg.

Danach erste Lichtungen, ich sehe, dass der Gipfel nicht mehr allzuweit über mir liegt. Am Wegrand Farne, die Vegetation geht schließlich in Buchenwald über. Ich überquere zwei, drei Bächlein, die im Sommer allerdings fast kein Wasser führen.

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Der erste Blick, endlich oben auf dem Pass.

Nach exakt vier Stunden Aufstieg bin ich unvermittelt auf dem Gipfel. Der Pass von Gastra auf fast 1400 Metern Höhe ist eine Mulde zwischen zwei Anhöhen und bietet einen hübschen Ausblick ins Casentinotal.

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Auf dem Bergkamm befindet sich der Wanderweg 00. Hier entlang könnte man bis zum Gipfelkreuz in 1592 Metern Höhe laufen.

Ich wende mich nach links und gehe auf dem Kammweg 00 entlang bis ich zum “Uomo di Sasso”, dem Mann aus Stein komme. Der Uomo di Sasso soll sich seit vielen Jahrhunderten an dieser Stelle befinden und eine Wegmarkierungen von Wanderschäfern gewesen sein, die bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Sommer ihre Tiere auf dem Pratomagno weideten und im Winter dann in die wärmere Maremma zogen.

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Nach dem Wäldchen geht es rechts Richtung Tal.

Nach dem Uomo di Sasso steuere ich auf ein kleines Wäldchen rechterhand zu. Ihm entlang gehe ich ohne Weg ca. 100 Meter Richtung Tal. Dann stoße ich auf einen breiten Forstweg, der mich direkt (naja nach ca 45 Minuten Serpentinen) auf die Panoramastraße hinunter bringt. An der, auch von Autos befahrbaren, einzigen Bergstraße des Pratomagnogebirges führt eine ausgeschilderte und sogar geteerte Straße 800 Meter hinunter nach Bagni di Cetica.

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Am Ort Bagni di Cetica sollen sich im 11. Jh. zufällig die Heiligen San Romualdo aus Camaldoli und San Giovanni Gualberto aus Vallombrosa begegnet sein. Den beiden, so heißt es, sei zudem der Hl. Romolo erschienen. Seit dieser Zeit werden der Wasserquelle besondere Eigenschaften zugeschrieben.

Dies ist ein interessanter Ort. Familien mit Kindern suchen ihn gerne auf, weil eine riesige von uralten Bäumen beschattete Wiese und ein Spielplatz Beschäftigung und Vergnügen garantieren. Außerdem heißt der Ort nicht umsonst “Bagni di Cetica”. Die Quelle, die hier entspringt, ist allerdings eiskalt. Das 7 Grad kalte Wasser soll die Lebensgeister erwecken und das tut es, denn man meint im Wasser zu erfrieren. Dem Wasser werden außerdem heilende Eigenschaften für die Nieren zugeschrieben. Erfrischend ist es nach der fast 6-stündigen Wanderung allemal.

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Eiskaltes Wasser in einem 2 mal 3 Meter großen Becken, eine etwas andere Badeanstalt.

Bagni di Cetica ist Badeanstalt und gut besuchtes Restaurant, man kann in den einfachen Zimmern außerdem auch übernachten. Die Nacht war windig, aber am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne. Ich breche zum Rückweg auf. Mir kommt die Idee, zuerst ein Stück die Panoramastraße entlang zu laufen und einen anderen Weg zum Gipfel zu suchen. Das sollte man besser lassen, denn Holzfäller lichten den Wald und der von mir gewählte unbeschilderte Waldweg nach oben endet im Nichts.

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Aufräumen im Wald muss auch sein. Aber besser, man nimmt den gleichen Weg wie am Vortag.

Jetzt heißt es ca. einen Kilometer bis zum Gipfel durchs Dickicht zu stolpern. Verlaufen kann ich mich ja nicht, denn ich muss nur nach oben. Nach einer Stunde sehe ich ein Ende des Waldes und erkenne den Uomo di Sasso.

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Der Rest der Wanderung verläuft angenehm und beim Abstieg ins Tal merke ich, wie die Temperatur langsam ansteigt. Auf dem Berg war es frisch und auch im Hochsommer gut auszuhalten. Eine empfehlenswerte Tour für Wanderer mit einem Minimum an Kondition.