Eine „deutsche“ Abtei in der Toskana

Leichte, fast immer ebene Wanderung auf meist breiten Waldwegen zu den Resten einer mysteriösen Abtei aus dem 10. Jh., inklusive hohler Riesenkastanien und Flussüberquerungen (einfach, wenn’s nicht gerade den Tag zuvor geregnet hat). Gehzeit insg. ca. 3½ Stunden.

Zum hübschen Ausgangsort Pontenano unserer Wanderung gelangt man vom Casentino via Talla und Pieve Pontenano, vom Valdarno aus am einfachsten via Loro Ciuffenna und Anciolina, dann rechts auf die Strada Panoramica und den Hinweisschildern „Pontenano“ folgen.

Wir parken gegenüber der Pizzeria Bar „Primula“, ein guter Tipp für eine Einkehr nach der Wanderung – Spezialität sind Wildgerichte und hausgemachte Pasta.
Wandermarkierungen des CAI 44/46 weisen den Weg, immer die Straße entlang, am Fußballfeld vorbei und nach den letzten Häusern des Ortes an einem kleinen Kappellchen den ungeteerten Feldweg rechts nehmen. Der breite Weg ist zuerst ca. hälftig besonnt und steigt moderat an. Er ist durch die rot-weiße CAI Markierung regelmäßig gekennzeichnet. An einer kleinen Kreuzung folgen wir rechts der CAI Markierung immer in etwa auf der gleichen Höhe.

Blick ins Casentinotal

Nun sind wir in einem Schatten spendenden Mischwald. Nur ein oder zwei Mal erhaschen wir einen schönen Ausblick ins Tal. Wir kreuzen ein Bächlein, das im Sommer fast immer ausgetrocknet ist. In der Gegend wurden vor vielen Jahren Kastanien gepflanzt, die heute kaum mehr bewirtschaftet werden. Die riesenhaften, oft hohlen Stümpfe bleiben. Wir queren eine Schranke und folgen dem Weg, der sich verengt, aber immer gut sichtbar und markiert ist.

Kastanien waren einmal eine wichtige Lebensgrundlage der Leute

Dann erreichen wir einen etwas breiteren Bach und überqueren auch dieses Flussbett. Der Weg verläuft nun teilweise durch Tannenwald, in der Ferne ist stetes Plätschern von Wasser ein Indiz, dass wir richtig liegen. Nur wo Wasser war, konnten Leute siedeln. Wir gelangen an eine Kreuzung, ein Wegschild deutet etwas vage „S. Trinita“ an: Sie müssen sich rechts halten, wo der Weg nach unten abknickt und sogleich eine neu errichtete Brücke ins Blickfeld rückt. Wir queren sie und nach wenigen Minuten Steigung sind wir an der geheimnisvollen Abtei Santa Trinita.

Reste der Badia S. Trinita in Alpe, deren Bau von Otto I. angeordnet wurde. Dies bevor er in Rom zum Kaiser gekrönt wurde.

Sie wurde von Otto dem Großen wahrscheinlich 960 angeordnet. Zwei deutsche Mönche, Heribrand und Peter, wurden mit der Errichtung betraut. Interessant ist die Wahl des Ortes: ans tyrrhenische Meer sind es 105 Km, an die Adria 105,5 Km. Als sei der Ort auf dem Reißbrett bestimmt worden.

Die Anfänge waren hart für die beiden Mönche. Von drei Wasserquellen versiegten zwei gleich, Stürme zerstörten das eben Erbaute. Aber bis zum 13. Jh. entwickelte sich die Abtei zum wichtigsten religiösen Bezugspunkt der ganzen Gegend, besaß Ländereien bis hinunter zum Arno. Die Klöster von Gastra, Badia a Soffena in Castelfranco, Gropina in Loro Ciuffenna und Ganghereto bei Terranuova waren ihr unterstellt. Wege führten vom Valdarno bis zur Badia.

Reste der Apsis. S. Trinita wurde architektonisches Vorbild für die später errichteten romanischen Pfarrkirchen im Valdarno und Casentinotal.

Auf 200 Jahre Blütezeit folgte der langsame Niedergang. Das Kaisertum verlor an Einfluss. Religiöse Orden errichteten wie in einem Kreis neue Klöster rings um die Abtei: Camaldoli, Vallombrosa, La Verna. Im Jahr 1425 wurde die Badia dem Kloster Vallombrosa zugesprochen.

Der Maler Mariotto di Cristofano (Schwager von Masaccio, dem „Erfinder der Perspektive in der Malerei“) fertigte aus diesem Anlass ein Poliptychon, das heute in der Kirche von Carda zu sehen ist.

Die Abteireste sind mehr schlecht als recht eingezäunt. Der Grundriss der Abtei war ein lateinisches Kreuz. Heute sieht man noch Teile der Apsis und des Altars, sowie der Seitenmauern. Bei einem Restaurierungsversuch in den 70er Jahren des 20. Jh.s wurde zwar einiges instand gesetzt, anderes jedoch durcheinander gewürfelt, so dass Spuren verwischt wurden. Die Pievi im Casentino und Valdarno weisen jedoch architektonische Gemeinsamkeiten mit Santa Trinita auf. Im 19. Jh. war die Abtei soweit verfallen, dass in ihr Schweine gehalten wurden. Wir gehen den gleichen Weg zurück wie wir gekommen sind.


DAS IST DOCH DER GIPFEL!

Mehrfach war ich schon am Gipfel des Pratomagno und auch beim Schwert im Stein. Aber immer spielte das Wetter nicht so ganz mit. Heute dagegen ist es perfekt. Wenn im Tal unten an die 40 Grad herrschen, duftet die frische Luft auf 1000 Metern Höhe nach Tannenzapfen, dann nach Buchen. Die erste Strecke führt durch den Wald. Aber irgendwann erreicht man die Baumgrenze und hier wirds überirdisch schön: Schwärme von Weißlingen und anderer Schmetterlinge flattern durch die Luft wie Fische im Meer.

Unter dem Tritt ist das Gras des “Pratomagno” – der großen Wiese – unendlich weich und gar nicht stoppelig wie man meinen könnte. Als ob man auf Moos geht. Auf der Wanderung habe ich ganz wenige Menschen getroffen, die ich mühelos an den Fingern einer Hand abzählen konnte (am Berg gehts viel bergauf und das ist anstrengend, vielleicht ist das ein Grund?), aber einer lief barfuß und das fand ich interessant.

Nachdem das Schwert im Stein erreicht war, fiel das Gipfelkreuz ins Auge. Wieso nicht dahin? Ziele braucht der Mensch. Also weiter, sehr steile Wellen hoch, über Wiesen, deren Farben sich ins Ocker stülpten. Ein Frieden, da oben, dass man die Welt vergisst. Nur die Wolken rücken nahe, werfen riesige Schatten, die die Temperatur sofort herunterkühlen. Nahe dem Gipfel bei fast 1600 Metern nimmt der Wind zu.

Drei Stunden bin ich mittlerweile unterwegs. Nur mit einer Halbliterflasche Wasser, denn Essen hatte ich vorsorglich nicht mitgenommen – ich wollte ja “nur kurz hoch auf den Berg schauen”. Doch der Berg hat wie immer andere Pläne als man selbst. Was tun? Eine halbe Stunde vom Gipfelkreuz entfernt liegt das Restaurant “Chalet da Giocondo” einsam an der einzigen Schotterstraße im Wald, die den Bergrücken durchzieht. Ob es überhaupt offen hat? So unter der Woche?

Es hat und die Wirtsleute sind immens freundlich und die Polenta mit Pilzen ein Gedicht. Auch die Tagliata (gebratenes, in Streifen geschnittenes Rindfleisch mit Öl und Rosmarin). Da die Kniee maulen und müde in den Gelenken schlenkern, will ich mir für den Rückweg das Auf und Ab des Kamms sparen und über die Straße zurück. Außenrum dauert länger als obendrüber und nach zwei Stunden war ich immer noch etliche Kilometer vom Auto entfernt. Hätte sich nicht ein altes Pärchen in einem winzigen Panda erbarmt, das auf der staubigen Straße anhielt und mich fragte, ob sie mich mitnehmen könnten, wäre ich wahrscheinlich immer noch unterwegs.