GANZ OBEN? Wanderung zum Gipfelkreuz des Pratomagno

Das Schöne, wenn man nichts plant und keine Karte vor einer Wanderung zur Hand nimmt, ist ja, dass immer alles anders kommt als gedacht. Ich lasse mich gerne überraschen.

Einigermaßen früh am Morgen mache ich mich auf nach Loro Ciuffenna, und dann weiter bis nach Trappola, den mit 851 m ü.d.M. höchst gelegenen Ort vor dem Gipel des Pratomagno. Der Ortsname Trappola heißt übersetzt “die Falle”. Das nur vorneweg…

Ausblick auf's Valdarno von Trappola

Ausblick auf den Valdarno vom Dorf Trappola

Ich fahre bis zum Ortsende und parke vor der Bar “Le tre fonti”, die im Sommer auch Restaurant ist. Es gibt von hier drei Möglichkeiten zum Gipfelkreuz auf 1592 m ü.d.M. zu gelangen: entweder man nimmt den CAI-Pfad 23, der sehr steil direkt aufsteigt und nur wirklich geübten Wanderern zu empfehlen ist, oder den Pfad 22, der es etwas sanfter angeht, oder man geht die Straße La Panoramica entlang, die bis unter den Gipfel führt. Die nicht geteerte Straße ist auch mit dem Auto befahrbar, so dass man einige Kilometer weiter oben parken und sich einen Teil des Aufstiegs sparen könnte. “Mach das”, suggeriert mein innerer Schweinehund.

Bar und im Sommer auch Restaurant: Le tre fonti

Bar und im Sommer auch Restaurant: Le tre fonti

Ich frage einen kompetent aussehenden und mit Nordic-Walking-Stöcken bewaffneten Wanderer, ob er denn wüsste, wie lange man von Trappola zum Kreuz brauche. Der meint, so ungefähr eine Stunde. “Ein Kinderspiel”, denke ich, bringe den inneren Schweinehund sofort zum Schweigen und mache mich auf gen Gipfel.

Ich möchte den Pfad 22 nehmen und sehe die Kennzeichnung sofort an einem Laternenpfahl an der Straße. Obwohl ich schon lange in Italien lebe, meine ich als fantasielose Nordeuropäerin immer noch, dass ein Pfeil, der in eine bestimmte Richtung weist, bedeutet, dass man die Straße in besagte Richtung nehmen soll.

Der Pad 22 ist gut ausgeschildert und weist auf die Strasse vor mir - denke ich jedenfalls

Der Pfad 22 ist gut ausgeschildert und weist auf die Straße vor mir – denke ich jedenfalls

Als ich nach einigen Minuten auf der breiten Straße keinen Hinweis mehr auf den Pfad 22 sehe, schwant mir, dass ich den Einstieg verpasst habe. Was soll’s, die Aussicht ist gut, der Weg bequem und sowieso führen alle Wege zum Gipfelkreuz.

Wolken wechseln sich ab mit Sonne, es hat angenehme Temperaturen an die 15 Grad. Tannen- und Laubwald liefern dem Auge ein farbenreiches Schauspiel: “Italian Summer”. Über mir sehe ich die weißen Kondensstreifen der Flugzeuge am blauen Himmel. Am Pratomagno sind bei schlechter Witterung etliche Kleinflugzeuge zerschellt. Der berühmteste Absturz war der des Australiers Herbert Hinkler, der 1933 einen Rekordflug von London nach Australien aufstellen wollte und hier sein jähes Ende fand (aber das ist eine andere Geschichte).

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Die Straße windet sich höher, bis ich an eine Kreuzung komme, an der es heißt, dass man nach links nur mehr zu Fuß weiter kann Richtung Pratomagno. Das Fahrverbotsschild stört allerdings keinen, zumal die Straße jetzt sogar geteert ist.

Die Straße wird in den kommenden Tagen geteert, so daß es noch bequemer wird, zur Panoramica zu gelangen

Die Straße von Trappola bis zu diesem Schild wird in den kommenden Tagen geteert, so dass man auch mit dem Auto bequem nahe an den Gipfel gelangt

Alle hundert Meter stürzen kleine Wildbäche ins Tal. Der Pratomagno ist wasserreich. Abgesehen vom Rauschen des Wassers ist es still. Nur ab und zu höre ich “Plopp”, wenn eine Kastanie herunter fällt. Dann sehe ich die Abzweigung rechts, wo der Pfad 22 die Straße kreuzt und nehme ihn. Früher waren Esel wichtige Arbeitstiere, die Holz aus dem unwegsamen Gebiet gen Tal schleppten. Der Pfad 22 führt entlang einem früheren Eselssteig und ist jetzt hervorragend alle 20 Meter gekennzeichnet.

Herbststimmung

Herbststimmung

Je höher ich aufsteige, desto kahler werden die Bäume. Die Buchen haben ihre rötlichen Blätter gelassen, der Boden wird felsiger. Apropos: bei aller Spontaneität sind richtige Kleidung und Schuhe hier am Berg unabdingbar.

Dann erreiche ich den Bergrücken. Hier oben sieht man, warum der Berg “Pratomagno” heisst. Eine große baumfreie Wiese erstreckt sich über den gesamten Kamm. Ich hatte gehofft, dass die Wolken sich verziehen würden. Leider ist das Gegenteil der Fall.

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Während ich nach links Richtung Gipfelkreuz laufe, hüllen die Wolken den Kamm mehr und mehr ein und ein kalter Wind bläst dazu. Ich bin schon fast zwei Stunden unterwegs, aber von Gipfel noch keine Spur. Mein innerer Schweinehund kommt aus der Deckung: “Hättest du mal auf mich gehört, dann wärst du jetzt schon am Ziel!”

Ich strafe ihn mit Nichtachtung und stapfe weiter. Die Temperaturen sind nahe dem Nullpunkt. Die Umgebung gleicht einer Mondlandschaft, unter meinen Füßen das weiche Gras der Wiese und um mich weiße Wattewolken. Ab und zu rollen die Echos von Schüssen von einem Gipfel zum anderen. Herbstzeit ist Jagdsaison, aber bei so einem Wetter haben die Vögel gute Chancen in den Wolken davon zu kommen.

An der Pozza Nera

An der Pozza Nera

Ich passiere die “Pozza Nera”, ein Wasserloch, wo der steile Pfad 23 ebenfalls in meinen Weg einmündet. Nach ein paar Minuten komme ich an ein offenes Gatter, an dem es heisst: ”Pericolo! Bestiame a pascolo!” (Gefahr! Weidende Rinder!) Nachdem der Weg genau durch die Weide führt, hoffe ich mal, dass die Kühe wenn ich sie nicht sehe mich auch nicht sehen. Rinder und auch Pferde weiden auf dem Pratomagno frei, sie waren bis jetzt, wenn ich ihnen begegnet bin, immer sehr friedfertig.

Die Nebelsuppe wird immer dicker

Die Wolkensuppe wird immer dicker

Was, wenn ich das Kreuz im Nebel verpasse? Das Gipfelkreuz des Pratomagno ist ein Metallgerüst von fast 20 m Höhe, leuchtend rot und schon von weitem im Tal sichtbar. Das Gezwitscher der Buchfinken und Sperlinge, wenn sie auf dem Weg gen Süden über mich hinweghuschen, ist das einzige, was aus der Wattewolke zu hören ist. Dann, weit entfernt, dringen verwehte Stimmen an mein Ohr. Wo Leute sind, kann das Kreuz nicht weit sein.

Schemenhaft tauchen Figuren aus dem Nichts auf und ein Hund. Dann sehe ich das Kreuz linker Hand. Unwirklich sieht es aus, ich bin froh, dass ich es gefunden habe, aber der eisige Wind lädt nicht zum Verweilen ein. Ich treffe eine Gruppe Jungs aus Montevarchi, aus dem Stadtteil S. Andrea, die dieses Jahr das Gioco del Pozzo, eine Mischung aus Handball und Rugby, gewonnen haben (ein anderes Mal mehr dazu) und deshalb aus Dankbarkeit auf den Pratomagno gepilgert sind.

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Ich mag es nicht denselben Weg zweimal zu gehen und erkundige mich nach einer Alternative. Deshalb nehme den Pfad 21 “la diretta”, nach unten Richtung Panoramastraße. Der Pfad könnte direkter nicht sein. Ich muss aufpassen, wo ich den Fuß auf die glitschigen Steine setze, sonst wird der Abstieg noch direttissima auf dem Allerwertesten.

Einstieg in die Panoramica

Einstieg in die Panoramica

Auf der Panoramica angekommen, stellt sich die nächste Frage: nach rechts oder nach links? In den Wolken kam mir die Orientierung abhanden, so dass ich jetzt nicht mehr sicher bin, ob ich auf der Seite des Valdarno, oder des Casentinotals bin. Meine Intuition sagt mir, dass links richtig ist.

Wenn ich zu meinen Freunden sage: ”Meine Intuition rät mir…” werden sie nervös, weil mein Bauchgefühl nicht immer die erhoffte einfache Lösung bringt. Ich entgegne dann stets: ”Aber dafür haben wir jetzt eine Erfahrung mehr”. Das Leben ist eine Summe von Erfahrungen.

Heute aber trügt mein Gefühl mich nicht. In Kurven geht es bequem abwärts. Die Temperatur liegt wieder bei über 10 Grad, die Sonne scheint. Dann sehe ich rechter Hand den Pfad 22 und schlage ihn ein, denn ich möchte doch herausfinden, wo ich den Einstieg des Wegs verpasst habe.

Unterschlupf und Picknickort

Unterschlupf und Picknickort

Es geht durch den Wald, Kastanien liegen am Boden. Wildschweine haben den Boden durchpflügt, so dass jeder Schritt weich abgefedert wird. Ich passiere einen Unterstand, weiter unten einen Tisch und Bänke, wo man picknicken kann.

Knapp vorbei ist auch daneben - jetzt weiss ich, wo der Einstieg zum Pfad 22 ist

Knapp vorbei ist auch daneben – jetzt weiss ich, wo der Einstieg zum Pfad 22 ist

Endlich sehe ich die ersten Häuser von Trappola, als ich nach fast 6 Stunden Wanderung auf der Rückseite der Steinhütte am Ortsende anlange. Entspannt sitzt der Nordic-Walking Wanderer an der Bar:”Waren Sie wirklich am Gipfelkreuz?” – “Ja, war ich. In einer Stunde ist es aber nur mit ganz viel Red Bull zu erreichen”, entgegne ich.

Tolle Pizza im "Le tre fonti"

Nach der Wanderung schmeckt die Pizza besonders gut

Mittelschwere Wanderung – Länge 5-6 Stunden