ANTICO CASALE DI SCANSANO

Nach einer langen Saison habe ich nur einen Wunsch: ausspannen, relaxen, Kraft tanken. Gesundes Essen wäre angebracht, und natürlich Massagen. Endlich auf den eigenen Körper hören.

Doch dann beschleicht mich die Besorgnis: ist das nicht wie Altersheim? Action muss her, ich will mich bewegen, radfahren, laufen, egal was. Also beides, Aktivität und Entspannung.

Manchmal regnet es auch im Paradies. Heute nicht, es schüttet wie aus Eimern, als ich vor Grosseto am thyrrenischen Meer nach Scansano in der Maremma abbiege – “Maremma Cane” würde der Toskaner bei dieser Gelegenheit schimpfen.

Scansano

Blick auf Scansano

Das Antico Casale di Scansano bietet eine Postkarten-Aussicht auf das kleine Dörfchen Scansano, das im Regen etwas trist auf dem Gipfel des gegenüber liegenden Hügels klebt. Die Eingangshalle ist weiträumig, es riecht frisch und sauber.

Das Zimmer ist nicht supermodern und dunkel möbliert, aber ausreichend geräumig. Nachdem die Wettervorhersage auch für die nächsten Tage wenig Hoffnungen macht, beschließe ich die Gewichtung meines Aufenthaltes aufs verwöhnt werden zu legen und buche für den kommenden Morgen eine Entspannungsmassage.

Ein Pluspunkt ist das superfreundliche Personal an der Rezeption und in der Beautyfarm, das gleich bei der Ankunft durch das gesamte Hotel führt, alles genau erklärt und immer zur Stelle ist, wenn man was braucht. Die Mädels übergeben mir den flauschigen Hotelbademantel, also ab in die Wellnessoase.

Relaxen bei angenehmen Temperatuuren

Relaxen bei angenehmen Temperaturen

 

Gedämpftes Licht, wohlige Wärme und die Musik von Snatam hüllen mich ein, ich lasse mich auf eine der Liegen fallen und fühle mich angekommen.

Anfang Oktober ist hier schon Nachsaison. Außer mir sind nur wenige Gäste im Hotel, so daß ich alle Räumlichkeiten fast exklusiv genießen kann. Draußen hat es trotz des schlechten Wetters tagsüber noch angenehme 20 Grad. Für Ausflüge sind sportliche Outfits, ein leichter Pullover und ein K-Way völlig ausreichend.

Eine Menge Morgans

Eine Menge Morgans

Abends trifft ein italienischer Club der Morgan-Fahrer ein. Wie die Autos sind auch die Besitzer ziemlich datiert, aber gut gelaunt. Bis aus dem Tessin und den Abruzzen sind sie gekommen. Beim Aperitif tauschen sie abenteuerliche Geschichten über die jeweilige Anreise aus. Mut zur Farbe bekennen vor allem die Herren, mit großkarierten Hemden, grünen oder roten Kaschmirpullis; sogar orangefarbene Jeans fallen mir ins Auge. Die Damen bevorzugen dagegen gedecktere Beige- und Grautöne. „Wie ähnlich sich Tier und Mensch doch sind“, drängt sich der Gedanke auf. In den nächsten Tagen werden sie die sehenswerten Tuffsteinorte Pitigliano und Sorano besuchen, sowie den Naturpark bei Alberese und mit den butteri, den toskanischen Cowboys, zu Mittag essen.

Eine maremmanische Spezialitaet: Acquacotta

Eine maremmanische Spezialität: Acquacotta

Apropos Essen: die Küche im Casale trifft genau meinen Geschmack, viele lokale Spezialitäten, aber die leichte und nicht die deftige Version. Mittags gibt’s passata di verdure, eine passierte toskanische Suppe, sowie allerlei gedünstetes Gemüse, “light lunch” im wahren Wortsinn. Klingt langweilig, schmeckt aber authentisch. Es tut gut, sich ohne Schnickschnack auf Wesentliches zu konzentrieren. Besonders empfehlenswert ist auch Acquacotta, eine typisch maremmanische Suppe mit Brot, Zwiebeln, Tomaten, Sellerie. Die letzten 3-4 Minuten werden pro Person je ein Ei mitgekocht. Unkompliziert, lecker und leicht nachzumachen!

Natürlich gehört dazu ein örtlicher Wein, der Morellino di Scansano, ein junger, fruchtiger, leichter Rotwein. Die Seele des Weines sind wie beim Chianti die Sangiovese-Trauben.

Leicht und fruchtig und vor heimeligen Kaminfeuer ein besonderer Genuss

Leicht und fruchtig und vor prasselndem Kaminfeuer ein besonderer Genuss

Tag zwei beginnt, wie Tag eins aufgehört hat, es regnet. Doch das kann mich heute nicht aus der Ruhe bringen. Entspannen ist angesagt. Nach der Relax-Massage und einem kleinen Stop in der Teelounge bin ich bereit, das Terrain zu erkunden.

Als ich die Tür zum Calidarium aufmache, weiß ich auch schon, daß ich bei den alten Römern das Leben nicht sehr genossen hätte. Heißer Dampf schlägt mir entgegen. Die Vorstellung, in dem kleinen geschlossenen Raum 15 Minuten bei der Hitze auszuhalten, ist zu viel. Ich nehme Reißaus und öffne die nächste Tür zum Laconicum. Hier sieht’s allerdings nicht besser aus, wieder viel zu heiß. Mir bleibt nur die Nebeldusche. Sie versprüht blau-gelbe, kühle Nebelschwaden, die nach Myrrhe duften.

Das Schwimmbad hat angenehme 29 Grad

Das Schwimmbad hat angenehme 29 Grad

Jetzt bin ich bereit für das interne Schwimmbad mit Salzen aus dem Toten Meer. Es hat angenehme 29 Grad. Nach einigen Runden fühle ich mich wie neu geboren und ein bißchen wie ein kleines Kind auf dem Rummelplatz, das von einer Attraktion zur nächsten eilt.

Auf der Terrasse vor der Beautyfarm steht ein Jacuzzi mit super Aussicht, absolut empfehlenswert, trotz des Wetters. Am gegenüber liegenden Hang weiden Schafe. Wenn ich anfange sie zu zählen schlafe ich sicher ein, so tiefenentspannt wie ich jetzt bin. Deshalb beschließe ich, doch noch mal schnell die beiden Grotten weiter unten im Garten aufzusuchen. Aber auch sie sind mir zu heiß. Ist auch genug Entspannung für den Tag.

Panorama-Jacuzzi

Panorama-Jacuzzi

Die Besitzer des Antico Casale haben das Anwesen 1989 erworben und führen es als Familienbetrieb. An der Rezeption, in der Küche, überall sind Töchter, Mamma, weitere Verwandte. Auch ein Grund, warum man sich hier so schnell heimisch fühlt. Während ich via kostenlosem Wi-fi meine Mails checke, sitzt der Inhaber vor dem Großbildfernseher neben mir und feuert die Fiorentina, die florentiner Fußballmannschaft, an. Wie zuhause im Wohnzimmer.

Nachdem es draußen nur mehr tröpfelt, beschließe ich einen Spaziergang zu unternehmen. Ich schlendere durch den gepflegten Garten zum Schwimmbad und zu den Pferdeställen. Hier werden mehr als ein Dutzend Pferde gehalten, auch die alten Tiere bekommen ihr Gnadenbrot und tummeln sich auf den großzügigen Weiden. Da die Wettervorhersage für den morgigen Tag vorsichtig optimistisch ist, mache ich mit Paolo, dem Reitlehrer, Pläne für einen Ausritt in die Landschaft.

Viel Ausflauf fuer die Pferde

Viel Auslauf für die Pferde

Auf dem Anwesen des Antico Casale gibt es außerdem Mountainbike- und Trimm-Dich-Pfade in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Ich nehme die einfache, grün gekennzeichnete Version und stapfe durch den regennassen Eichenwald. Ein Reh schreckt auf und springt eiligst davon – wahrscheinlich erwartet es bei derart schlechtem Wetter keinen Hotelgast im Freien.

Der nächste Tag hält, was die Wettervorhersage versprochen hatte, die Sonne blinzelt durch die Wolken und sofort sind die Temperaturen sommerlich warm. Es ist schon etliche Jahre her, dass ich auf dem Rücken eines Pferdes gesessen bin, aber ich denke mir, das ist wie mit Fahrradfahren, man verlernt es nicht. Paolo ist gut gelaunt und nachsichtig hinsichtlich meiner doch ziemlich eingerosteten Reitkenntnisse. Bedonia, meine Stute, ist schon eine ältere Dame, aber sie weiß, wo es lang geht und was sie zu machen hat, so dass der Ausritt ein echtes Vergnügen ist. Weinberge und sanfte Hügellandschaften ziehen vorbei. Paolo schwärmt von Amerika, er hat einige Zeit in Texas gearbeitet. Eigentlich kommt er aus Norditalien, aber die Touristensaison verbringt er in der Maremma: “Die Städter kommen hier an, gehetzt und genervt. Sie haben verlernt mit der Natur zu leben. Hier können sie das. Und die Pferde helfen ihnen dabei zu entschleunigen und wieder sich selbst zu fühlen und nicht nur zu funktionieren.” Kann ich bestätigen, nach zwei Stunden Ausritt spüre ich meine untrainierten Muskeln noch tagelang und weiß jetzt auch, wo die Adduktoren sitzen.

Bedonia kennt den Weg
Bedonia kennt den Weg
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Die Maremma ist bekannt für ihre wilde Natur. Die Städtchen wie Scansano leben hauptsächlich von Tourismus, Wein- und Olivenanbau. Nachmittags bummle ich entlang der Stadtmauer zur Kirche San Giovanni Battista, die man vom Antico Casale aus immer im Blick hat. Scansano ist klein und in der Nachsaison tanzt hier nicht gerade der Bär. Die Enoteca Scansanese ist dennoch einen Besuch wert: hier kann man viele verschiedene Morellino-Weine probieren und vergleichen. Außerdem gibt es lokale Spezialitäten, wie Kekskringel mit Morellino, die sich gut als Mitbringsel machen. Es lohnt sich auch, die steilen Stufen in den Keller der Cantina di Simone  hinab zu steigen. Hier bekommt man kalte Gerichte, Schinken- und Käseaufschnitte, dazu freundliche Worte der sympathischen Bedienung.

Super Aussicht
Super Aussicht
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Die Sonne ist mittlerweile wieder verschwunden. Vor dem nächsten Wolkenbruch breche ich auf nach Hause, Richtung Meer und Grosseto. Ein Autofahrer mit deutschem Kennzeichen macht mir durch seine Lichthupe klar, dass weiter vorne ein Blitzer steht. Die beiden poliziotti nicken mir freundlich zu, als ich an ihnen mit nicht mal 50 Km/h vorbei schleiche – gut gelaufen. Die Maremma sieht mich sicher wieder. Das nächste Mal vielleicht mit Sonne.

Antico Casale Haupthaus

Antico Casale Haupthaus