POGGIO ALLA REGINA: 1000 Jahre Geschichte

Im Frühherbst habe ich richtig Lust aufs Wandern. Die Tage sind noch lang, aber nicht mehr heiß wie im Juli oder August. Ideal, um einen Tag in den Bergen über Pian di Scò zu verbringen. Gastra und Poggio alla Regina sind die Ziele. Ich nehme einen Pullover mit und Verpflegung, denn 4-5 Stunden dauert der Fußmarsch ohne Pausen.

Eine der wenigen Barockkapellen im Valdarno

Eine der wenigen Barockkapellen im Valdarno

 

Das Auto lasse ich im Weiler Casabiondo stehen und nehme die asphaltierte Straße, die gleich nach der barocken Kapelle rechts nach oben führt. Bei einem roten Kreuz am Wegrand zweigt rechts eine Schotterstraße ab. Die nehme ich. Die Wanderung durch 1000 Jahre Geschichte kann beginnen!

Hier geht's nach rechts

Hier geht’s nach rechts

Ein Schild “Sentiero della Memoria” steht am Wegrand. Was nicht vergessen werden soll ist, daß Partisanen im Zweiten Weltkrieg hier in den Bergen Widerstand gegen Faschisten und Deutsche geleistet haben. Gedenksteine erinnern an die Stellen, an denen jemand den Tod gefunden hat. Jedes Jahr am 25. April – dem Tag der Befreiung von den Deutschen – legt der Bürgermeister einen Kranz nieder. In den ganzen Jahren, in denen ich hier lebe, wurde ich vom letzten noch lebenden Partisanen des Ortes immer total unvoreingenommen und freundlich behandelt.

Heute sind die Berge – ausgenommen in der Tagen und Wochen, wenn Steinpilze gesammelt werden oder gejagt wird – so gut wie menschenleer. Bis zum Zweiten Weltkrieg jedoch spielte sich ein großer Teil des Lebens, der Zivilisation, in den Bergen ab.

Aufmerksam spitzt das Reh die Ohren, wer denn da kommt

Aufmerksam spitzt das Reh die Ohren, wer denn da kommt

Wenig später sehe ich ein Reh, das mich ziemlich nahe ranlässt, bevor es misstrauisch wird. Olivenhaine säumen den Weg, allerdings werden viele nicht mehr gepflegt. Ich staune immer wieder, was die Bauern früher geleistet haben: Terrassen anlegen, den Boden sauber halten und düngen, von Hand die Oliven ernten, die Bäume beschneiden. “Wer macht sich heute noch die Mühe, wenn dann im Supermarkt ein Billigöl für 3,00 € angeboten wird?”, schießt es mir durch den Kopf.

Dann komme ich an die Schranke: spitz ragen die Stäbe hervor. Keiner soll vorbei. Dazu muss man wissen, dass die Schranke Gegenstand einer jahrzehntealten Fehde zwischen dem Großgrundbesitzer von Gut Casamora und den Einwohnern des Dorfes ist. Die Einwohner fuhren bis in die 90er Jahre immer mit dem Auto bis nach Gastra zum Picknicken. Das wurde dem Besitzer zu viel und er versperrte durch die Schranke den Weg, so dass man nur zu Fuß vorbei kommt. In der Toskana halten sich Fehden hartnäckig.

Nach der Schranke beginnt langsam der Aufstieg

Nach der Schranke beginnt langsam der Aufstieg

Nach der Schranke beginnt der Aufstieg, zuerst langsam. Rechter Hand fließt der Wildbach Resco, mal gluckst er leise und fern, mal rauscht er schnell. Nach einiger Zeit kommt man an eine Brücke, il secondo ponte (die zweite Brücke). Kurz davor geht rechts ein Pfad ab, der hinunter zum Resco führt. Hier gelangt man zur spiaggia di Pian di Scò (zum Strand von Pian di Scò). Dies als kleiner Tipp für heiße Sommer.

Nach der Brücke geht’s immer steiler bergan. Die Oliven weichen Kastanien- und Mischwald. Die Luft wird frischer. Der Weg schlängelt sich in Serpentinen immer höher. Noch ist er breit und bequem. Dann sehe ich links vor mir die Ruinen von Gastra. Zwei Stunden bin ich bereits unterwegs. Immer wieder habe ich die Alten im Dorf erzählen hören, dass in Gastra viele Familien wohnten, zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Kinder gingen zu Fuß in die Schule zu den Klosterschwestern von Casamora.

In Gastra macht die Straße einen scharfen Knick nach links und verengt sich bald zu einem Weg, auf dem man im Gänsemarsch weitergeht. Im Wald stehen verlassene Blockhütten und erinnern an ein weiteres Stück Geschichte: noch bis in die 70er Jahre wurden die Kinder im Sommer hierher in die colonie, die Sommerfrische, geschickt. Heute wirken die verlassenen Hütten im dunklen Kiefernwald ziemlich gespenstisch.

Jetzt ist der höchste Punkt erreicht, der Weg wird schmaler und führt zum gegenüber liegenden Bergrücken von Monte Acuto, wörtlich dem “spitzen Berg” und Poggio alla Regina. Ab und zu eröffnen sich herrliche Blicke ins Tal. Über mir kreist ein Falke.

Frueher ein beliebter Ausflugsort, heute verlassen: Gastra

Früher ein beliebter Ausflugsort, heute verlassen: Gastra

Dann öffnet sich das Szenario, ich gelange an eine breite, mit Jeep befahrbare Straße. Rechts ginge es zum Monte Acuto. Ich wende mich nach links, Richtung Poggio alla Regina. Jetzt geht es bergab und da dieser Berg unbewaldet ist, wärmt die immer noch hoch stehende Nachmittagssonne angenehm. Der Weg ist einfach zu merken, es geht stetig abwärts. Die Bergspitze ist ideal für eine Ansiedlung, platt und fast 2000 Quadratmeter breit. Hier sollen schon Etrusker gelebt haben. Im Hochmittelalter wurden Wohngebäude, ein Turm und ein Brunnen errichtet und mit einer Stadtmauer bewehrt. Die Florentiner bereiteten dem feudalen Burgleben im 14. Jahrhundert ein Ende, Poggio alla Regina wurde aufgegeben, als im Tal neue Siedlungen, die terre nuove, gegründet wurden.

Wer den steilen Anstieg hinauf zum Gipfel von Poggio alla Regina nicht scheut, wird mit einer tollen Aussicht in alle Richtungen belohnt und kann die Umrisse dessen sehen, was die archäologischen Ausgrabungen der Universität von Florenz zutage gebracht haben.

Weiter geht es abwärts, zuerst durch den Wald. Der Weg ist breit und auch durch den hiesigen Alpenverein CAI markiert. Dann wird die Landschaft wieder offener. Wenn die Straße gerade auf ein kleines Wäldchen zuführt, muss ich mich entscheiden: entweder ich biege an der (einzigen) Kreuzung nach links ab und gehe den Weg zurück auf einem bequemen, breiten Weg. Oder ich gehe ca 150 Meter geradeaus weiter bis das Wäldchen erreicht ist und die Straße eine scharfe Rechtskurve macht.

Hier beginnt ein abwechslungsreicher Pfad, der geradeaus an den Tannen vorbeiführt.

Hier aufpassen, der kleine Pfad geht geradeaus, waehrend der breite Weg eine Rechtskurve macht

Hier aufpassen, der kleine Pfad geht geradeaus, während der breite Weg eine Rechtskurve macht

Dem Pfad folge ich fortan. Das Valdarno breitet sich unter mir aus. Dann wird der Pfad wieder schmaler. Eine Amsel warnt mit aufgeregtem Gezwitscher die anderen Vögel, dass ich durchs Gelände stapfe.

Im März 2015 gab es hier einen Riesensturm, ein Jahrhundertereignis. Viele Bäume knickten um wie Streichhölzer. Die Spuren davon sind an dieser Stelle deutlich zu sehen. Dann komme ich auf eine Lichtung, wo es vor einigen Jahren mal gebrannt hat. Die verkohlten Baumskelette ragen in den Himmel, aber langsam gewinnt das Grün wieder an Kraft.

Nach dem Brand

Nach dem Brand

Schließlich mündet der kleine Pfad in einen breiteren Weg, den ich nach rechts talwärts einschlage. Wenig später hat man den Weg, weil er steil abfällt, sogar asphaltiert. Ich gelange an den Turm von Menzano, der zwar nichts Historisches ist, dafür aber sogar von der Autobahn A1 aus sichtbar, wenn man von Florenz Richtung Rom fährt.

In leichten Schwingungen führt der Weg talwärts, ab und zu passiere ich verfallende oder konservativ restaurierte Steinhäuser inmitten von Olivenhainen. Die Aussicht ist grandios. Unter mir liegt das Gut Casamora und in der Ferne sehe ich den schlanken Kirchturm von Piandiscò. Mit jedem Schritt, den ich der Zivilisation näher komme, vermisse ich schon jetzt die friedvolle Ruhe der Berge hinter mir, die doch so viele Geschichten zu erzählen hätten – wenn sie denn könnten.

Blick auf das Landgut Casamora und dahinter Piandiscò

Blick auf das Landgut Casamora und dahinter Piandiscò

Mittelschwere Wanderung – Länge 5-6 Stunden