ZAUBERHAFTE PANORAMASTRASSE Setteponti

Eine der schönsten Panoramastraßen der Toskana ist die Via Setteponti – heute prosaisch SP1 betitelt. Schon von den Etruskern frequentiert, wurde sie unter den Römern als Cassia Vetus ausgebaut und verbindet Fiesole bei Florenz mit Arezzo.

Pieve Cascia

Hinter der romanischen Kirche bei Cascia verbirgt sich im Museo d’Arte Sacra das erste Werk Masaccios aus der frühen Renaissance

Der malerischste Teil der Strecke beginnt in Cascia, einem Vorort von Reggello. Die elegante romanische Kirche ist einen Besuch wert. Hinter der Kirche befindet sich im Museo Masaccio d’Arte Sacra ein Juwel, das man normalerweise nur in den größten Museen findet: das erste bekannte Werk Masaccios, des wichtigsten Malers der Frührenaissance, ein Tryptichon, dessen Hauptfiguren die Jungfrau Maria und das Jesuskind sind. Jesus hat gerade genüßlich von Trauben genascht.

Badia Soffena

Badia a Soffena in Castelfranco

Im nächsten Ort Richtung Arezzo, Pian di Scò, lohnt die einfache romanische Kirche mit Ausblick gen Chianti einen Stop, bevor es weitergeht nach Castelfranco. Hier mache ich am Kreisel einen Abstecher in den von Arnolfo di Cambio nach Vorbild eines römischen Castrums entworfenen Ort. Am Kreisel steht frei in der Wiese eine Abtei, die Badia a Soffena, die in ihrer Kirche Fresken von Masaccios Bruder – der von allen nur “der Splitter“ genannt wurde – enthält.

Castelfranco

Von Arnolfo di Cambio konzipiertes Musterstädtchen Castelfranco

Castelfranco, eines der „100 schönsten Dörfer Italiens“, besitzt eine große rechteckige Piazza, von der wie am Reißbrett gezogene, rechtwinklige Straßen abgehen und sich dann wiederum in ein Netz kleinerer Sträßchen verzweigen. Ein Stadtturm und Teile der Stadtmauer sind noch erhalten, aber eine Sehenswürdigkeit entgeht normalerweise den Touristen: mitten auf der Piazza, wo heute die Polizeistation untergebracht ist, befand sich früher ein echtes Gefängnis und das war sogar mit Fresken dekoriert. Falls die Polizeistation besetzt ist, zeigen die Polizisten gerne diese versteckte Sehenswürdigkeit.

fresco Castello

Welches Gefängnis kann schon Freskenreste aufweisen?

Entlang malerischer kleiner Orte wie Certignano, Malva und Persignano geht es nach Loro Ciuffenna, dessen etruskische Ursprünge bereits die Endung des Namens „-enna“ verrät. Hier befindet sich ein Zugang zur spektakulären Bergwelt des Pratomagnogebirges, dessen höchster Punkt, das Gipfelkreuz auf 1592 Metern, von Loro Ciuffenna aus gut sichtbar ist.

loro

Loro Ciuffenna

In Loro kann man die älteste noch funktionierende Wassermühle der Toskana besichtigen. Ein paar Kilometer außerhalb liegt indessen die romanische Kirche von Gropina, deren longobardische Kapitelle und Kanzel mit Tier- und Landwirtschaftsmotiven einen Besuch wert sind.

mulino

In der ältesten noch funktionierenden Wassermühle der Toskana kann man Kastanien,- Mais- und Getreidemehl erwerben.

Vielleicht hat sich von ihnen auch der Maler und Bildhauer Venturino Venturi inspirieren lassen. Er war einer der bekannteren italienischen Künstler des 20. Jahrhunderts, der eine Sammlung seiner Werke seinem Geburtsort vermacht hat. Das Museum auf der zentralen Piazza von Loro Ciuffenna bietet einen interessanten Überblick von Venturis Schaffen.

gropina

In vorchristlicher Zeit soll in Gropina ein Diana-Tempel gestanden haben

Weiter auf der Setteponti gelangt man im Ort San Giustino an eine Abzweigung, die zum Landgut Borro führt. Die Modefamilie Ferragamo hat aus dem prachtvoll restaurierten Landsitz mit eigenem Dorf ein exklusives Resort gezaubert, durch das man schlendern kann und wo man an einer Weindegustation im sehenswerten Weinkeller teilnehmen kann.

Borro

Il Borro bei San Giustino

Zurück auf der Setteponti gibt es vor dem nächsten Ort Castiglion Fibocchi eine Abzweigung Richtung Gello Biscardo, über die man das nächste Tal erreicht, den Casentino. Das Casentinotal ist das wildeste und unzugänglichste der vier Täler Arezzos und für Naturliebhaber ideal.

castiglion fibocchi

Castiglion Fibocchi ist für seine prachtvollen Karnevalsumzüge mit selbstgemachten Kostümen bekannt

Bei Castiglion Fibocchi, von dem aus man bereits in der Ferne Arezzo sieht, liegt eine Ikone für deutsche Italienliebhaber: die Fattoria La Vialla. Ich fahre weiter auf der Setteponti und gelange nach Ponte Buriano, eine verschlafene Häuserzeile entlang der Straße, das doch einen unverhofften Schatz verbirgt. Die mittelalterliche Brücke von Ponte Buriano mit ihren sechs stämmigen Bögen, über die heute noch der Verkehr nach Arezzo geleitet wird, soll Leonardo da Vinci rechts im Hintergrund der “Mona Lisa” verewigt haben.

ponte buriano

Die Brücke von Ponte Buriano ist auf dem berühmtesten Gemälde der Welt – Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ – rechts hinten abgebildet

Neben den kulturellen und künstlerischen Highlights bietet die Setteponti auch kulinarische Genüsse in den vielen Restaurants am Weg, sowie Möglichkeiten von Degustationen bekannter Weinmarken wie Il Borro oder Tenuta Setteponti, aber es lohnt sich genauso die kleinen, familiengeführten Fattorie und Weinkeller am Wegrand zu entdecken.


POGGIO ALLA REGINA: 1000 Jahre Geschichte

Im Frühherbst habe ich richtig Lust aufs Wandern. Die Tage sind noch lang, aber nicht mehr heiß wie im Juli oder August. Ideal, um einen Tag in den Bergen über Pian di Scò zu verbringen. Gastra und Poggio alla Regina sind die Ziele. Ich nehme einen Pullover mit und Verpflegung, denn 4-5 Stunden dauert der Fußmarsch ohne Pausen.

Eine der wenigen Barockkapellen im Valdarno

Eine der wenigen Barockkapellen im Valdarno

 

Das Auto lasse ich im Weiler Casabiondo stehen und nehme die asphaltierte Straße, die gleich nach der barocken Kapelle rechts nach oben führt. Bei einem roten Kreuz am Wegrand zweigt rechts eine Schotterstraße ab. Die nehme ich. Die Wanderung durch 1000 Jahre Geschichte kann beginnen!

Hier geht's nach rechts

Hier geht’s nach rechts

Ein Schild “Sentiero della Memoria” steht am Wegrand. Was nicht vergessen werden soll ist, daß Partisanen im Zweiten Weltkrieg hier in den Bergen Widerstand gegen Faschisten und Deutsche geleistet haben. Gedenksteine erinnern an die Stellen, an denen jemand den Tod gefunden hat. Jedes Jahr am 25. April – dem Tag der Befreiung von den Deutschen – legt der Bürgermeister einen Kranz nieder. In den ganzen Jahren, in denen ich hier lebe, wurde ich vom letzten noch lebenden Partisanen des Ortes immer total unvoreingenommen und freundlich behandelt.

Heute sind die Berge – ausgenommen in der Tagen und Wochen, wenn Steinpilze gesammelt werden oder gejagt wird – so gut wie menschenleer. Bis zum Zweiten Weltkrieg jedoch spielte sich ein großer Teil des Lebens, der Zivilisation, in den Bergen ab.

Aufmerksam spitzt das Reh die Ohren, wer denn da kommt

Aufmerksam spitzt das Reh die Ohren, wer denn da kommt

Wenig später sehe ich ein Reh, das mich ziemlich nahe ranlässt, bevor es misstrauisch wird. Olivenhaine säumen den Weg, allerdings werden viele nicht mehr gepflegt. Ich staune immer wieder, was die Bauern früher geleistet haben: Terrassen anlegen, den Boden sauber halten und düngen, von Hand die Oliven ernten, die Bäume beschneiden. “Wer macht sich heute noch die Mühe, wenn dann im Supermarkt ein Billigöl für 3,00 € angeboten wird?”, schießt es mir durch den Kopf.

Dann komme ich an die Schranke: spitz ragen die Stäbe hervor. Keiner soll vorbei. Dazu muss man wissen, dass die Schranke Gegenstand einer jahrzehntealten Fehde zwischen dem Großgrundbesitzer von Gut Casamora und den Einwohnern des Dorfes ist. Die Einwohner fuhren bis in die 90er Jahre immer mit dem Auto bis nach Gastra zum Picknicken. Das wurde dem Besitzer zu viel und er versperrte durch die Schranke den Weg, so dass man nur zu Fuß vorbei kommt. In der Toskana halten sich Fehden hartnäckig.

Nach der Schranke beginnt langsam der Aufstieg

Nach der Schranke beginnt langsam der Aufstieg

Nach der Schranke beginnt der Aufstieg, zuerst langsam. Rechter Hand fließt der Wildbach Resco, mal gluckst er leise und fern, mal rauscht er schnell. Nach einiger Zeit kommt man an eine Brücke, il secondo ponte (die zweite Brücke). Kurz davor geht rechts ein Pfad ab, der hinunter zum Resco führt. Hier gelangt man zur spiaggia di Pian di Scò (zum Strand von Pian di Scò). Dies als kleiner Tipp für heiße Sommer.

Nach der Brücke geht’s immer steiler bergan. Die Oliven weichen Kastanien- und Mischwald. Die Luft wird frischer. Der Weg schlängelt sich in Serpentinen immer höher. Noch ist er breit und bequem. Dann sehe ich links vor mir die Ruinen von Gastra. Zwei Stunden bin ich bereits unterwegs. Immer wieder habe ich die Alten im Dorf erzählen hören, dass in Gastra viele Familien wohnten, zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Kinder gingen zu Fuß in die Schule zu den Klosterschwestern von Casamora.

In Gastra macht die Straße einen scharfen Knick nach links und verengt sich bald zu einem Weg, auf dem man im Gänsemarsch weitergeht. Im Wald stehen verlassene Blockhütten und erinnern an ein weiteres Stück Geschichte: noch bis in die 70er Jahre wurden die Kinder im Sommer hierher in die colonie, die Sommerfrische, geschickt. Heute wirken die verlassenen Hütten im dunklen Kiefernwald ziemlich gespenstisch.

Jetzt ist der höchste Punkt erreicht, der Weg wird schmaler und führt zum gegenüber liegenden Bergrücken von Monte Acuto, wörtlich dem “spitzen Berg” und Poggio alla Regina. Ab und zu eröffnen sich herrliche Blicke ins Tal. Über mir kreist ein Falke.

Frueher ein beliebter Ausflugsort, heute verlassen: Gastra

Früher ein beliebter Ausflugsort, heute verlassen: Gastra

Dann öffnet sich das Szenario, ich gelange an eine breite, mit Jeep befahrbare Straße. Rechts ginge es zum Monte Acuto. Ich wende mich nach links, Richtung Poggio alla Regina. Jetzt geht es bergab und da dieser Berg unbewaldet ist, wärmt die immer noch hoch stehende Nachmittagssonne angenehm. Der Weg ist einfach zu merken, es geht stetig abwärts. Die Bergspitze ist ideal für eine Ansiedlung, platt und fast 2000 Quadratmeter breit. Hier sollen schon Etrusker gelebt haben. Im Hochmittelalter wurden Wohngebäude, ein Turm und ein Brunnen errichtet und mit einer Stadtmauer bewehrt. Die Florentiner bereiteten dem feudalen Burgleben im 14. Jahrhundert ein Ende, Poggio alla Regina wurde aufgegeben, als im Tal neue Siedlungen, die terre nuove, gegründet wurden.

Wer den steilen Anstieg hinauf zum Gipfel von Poggio alla Regina nicht scheut, wird mit einer tollen Aussicht in alle Richtungen belohnt und kann die Umrisse dessen sehen, was die archäologischen Ausgrabungen der Universität von Florenz zutage gebracht haben.

Weiter geht es abwärts, zuerst durch den Wald. Der Weg ist breit und auch durch den hiesigen Alpenverein CAI markiert. Dann wird die Landschaft wieder offener. Wenn die Straße gerade auf ein kleines Wäldchen zuführt, muss ich mich entscheiden: entweder ich biege an der (einzigen) Kreuzung nach links ab und gehe den Weg zurück auf einem bequemen, breiten Weg. Oder ich gehe ca 150 Meter geradeaus weiter bis das Wäldchen erreicht ist und die Straße eine scharfe Rechtskurve macht.

Hier beginnt ein abwechslungsreicher Pfad, der geradeaus an den Tannen vorbeiführt.

Hier aufpassen, der kleine Pfad geht geradeaus, waehrend der breite Weg eine Rechtskurve macht

Hier aufpassen, der kleine Pfad geht geradeaus, während der breite Weg eine Rechtskurve macht

Dem Pfad folge ich fortan. Das Valdarno breitet sich unter mir aus. Dann wird der Pfad wieder schmaler. Eine Amsel warnt mit aufgeregtem Gezwitscher die anderen Vögel, dass ich durchs Gelände stapfe.

Im März 2015 gab es hier einen Riesensturm, ein Jahrhundertereignis. Viele Bäume knickten um wie Streichhölzer. Die Spuren davon sind an dieser Stelle deutlich zu sehen. Dann komme ich auf eine Lichtung, wo es vor einigen Jahren mal gebrannt hat. Die verkohlten Baumskelette ragen in den Himmel, aber langsam gewinnt das Grün wieder an Kraft.

Nach dem Brand

Nach dem Brand

Schließlich mündet der kleine Pfad in einen breiteren Weg, den ich nach rechts talwärts einschlage. Wenig später hat man den Weg, weil er steil abfällt, sogar asphaltiert. Ich gelange an den Turm von Menzano, der zwar nichts Historisches ist, dafür aber sogar von der Autobahn A1 aus sichtbar, wenn man von Florenz Richtung Rom fährt.

In leichten Schwingungen führt der Weg talwärts, ab und zu passiere ich verfallende oder konservativ restaurierte Steinhäuser inmitten von Olivenhainen. Die Aussicht ist grandios. Unter mir liegt das Gut Casamora und in der Ferne sehe ich den schlanken Kirchturm von Piandiscò. Mit jedem Schritt, den ich der Zivilisation näher komme, vermisse ich schon jetzt die friedvolle Ruhe der Berge hinter mir, die doch so viele Geschichten zu erzählen hätten – wenn sie denn könnten.

Blick auf das Landgut Casamora und dahinter Piandiscò

Blick auf das Landgut Casamora und dahinter Piandiscò

Mittelschwere Wanderung – Länge 5-6 Stunden