SAN GIOVANNI: Sehenswertes im Radius von 100 Metern

Heute habe ich keine Lust auf kilometerlange Ausflüge und anstrengende Touren. Draußen ist es nasskalt und neblig. Aber zum Glück lebe ich in Italien. Immer mal wieder heißt es, dass 70 Prozent des Weltkulturerbes in Italien liegen soll, und 80 Prozent davon wiederum in der Toskana. Ich frage mich zwar, wie man das kalkulieren will, aber heute bewege ich mich nur in einem Radius von 100 Metern, und schon in einer Kleinstadt wie San Giovanni Valdarno mit knapp 20.000 Einwohnern gibt’s auf 100 Metern jede Menge zu erzählen.

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Piazza Cavour mit Garibaldistatue und dem Cassero, Regierungs- und Repräsentationsgebäude der Florentiner

Ich parke bequem auf der Piazza della Libertà und stoße nach wenigen Schritten auf die zentrale Piazza Cavour von San Giovanni. Vor mir schaut die Garibaldi-Statue etwas grimmig auf den Cassero. Der Cassero, auch Palazzo di Arnolfo genannt, mit seinen vielen Wappen der florentiner Verwalter an der Fassade, trennt die Piazza in zwei Teile, dahinter liegt die Basilika.

San Giovanni besitzt zwei Charakteristiken, die auch 50 Jahre heftiger Industrialisierung mit anschließendem Niedergang im Zuge der Wirtschaftskrise nicht auslöschen konnten: es ist eine von den Florentinern bewusst geplante Neugründung, durch die Florenz seinen Einflußbereich ausdehnen wollte. Um die “Terra nuova”, die neue Stadt, zu planen, engagierte man im 13. Jahrhundert extra den bekannten Architekten Arnolfo di Cambio. Der inspirierte sich am römischen Castrum und konzipierte alle von ihm entworfenen Städte ordentlich mit einer zentralen Piazza und davon rechtwinklig wegführenden Hauptstraßen.

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Rückseite des Cassero mit monatlichem Trödelmarkt (jeder 3. Sonntag des Monats)

Die neuen Einwohner der Stadt wurden durch Steuervergünstigungen angelockt, wobei Florenz schon Wert darauf legte mitzuteilen, wer nun das Sagen hatte. Auf dem Platz vor dem Cassero, dem Palazzo der Macht, steht deshalb eine Kopie der Löwenstatue Marzocco, den Blick nach Florenz gerichtet.

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Die originale Löwenstatue „Marzocco“ steht im Museum und blickt natürlich Richtung Florenz

Das Original befindet sich in der Eingangshalle des Cassero. Hier ist heute das Museum der “Terre Nuove” beheimatet. Wer sich für die Geschichte der Stadtgründungen in ganz Europa im ausgehenden Mittelalter interessiert, findet hier Anhaltspunkte und Beispiele, wie Freiburg im Breisgau oder die Wiener Neustadt.

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Das Museum der „Terre Nuove“ bringt Beispiele aus ganz Europa

Die zweite wichtige Persönlichkeit, die neben Arnolfo di Cambio das Wesen der Stadt geprägt hat, ist Masaccio, der in der Via Roma 105, wenige Meter vom Cassero entfernt, geboren wurde. Er war der wichtigste Maler der Frührenaissance, der die Perspektive Brunelleschis auf die Malerei seiner Fresken übertrug. Heute ist sein Geburtshaus Casa Masaccio ein Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Jedes Jahr werden außerdem junge Künstler aus der ganzen Welt eingeladen, um hier zu arbeiten.

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Casa Masaccio unterhält auch einen regen Austausch mit der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart

Doch damit nicht genug: hinter dem Cassero, wo an jedem dritten Sonntag des Monats ein Trödelmarkt stattfindet, liegt die von außen unauffällige gotische Kirche San Lorenzo. Abgesehen von natürlich sehenswerten Gemälden im Inneren – darunter eines, das vom Bruder Masaccios, der den Spitznamen “Splitter” trug, gemalt wurde – hat man hier 1780 in einem Pfeiler die eingemauerte Mumie eines Mannes gefunden – manche sagen, es wäre Masaccio.

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Links die Kirche San Lorenzo, rechts das Museum der Basilika

Neben San Lorenzo befindet sich das Museum der Basilika und darin ein liebliches Juwel für Kunstfreunde: eine Verkündigung von Fra Angelico. Ein anderes Bild ist allerdings weniger lieblich, aber das verrate ich hier nicht. Wer das Museum besucht, weiß sicher, was ich meine.

Neben der Basilika S. Maria delle Grazie in der Kapelle liegt die ganzjährig geöffnete Krippensammlung von Pino und Giuseppe. Doch dies ist noch nicht alles, denn die Basilika hütet außerdem die Legende der Monna Tancia, das heißt, sie wurde aufgrund eines Wunders erst gebaut.

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Eine Keramikarbeit von Giovanni della Robbia hängt über dem Eingang zur Kapelle der Basilika, dort, wo das Wunder geschehen sein soll

Ende des 15. Jahrhunderts wütete die Pest und die Hälfte der Einwohner von San Giovanni fielen ihr zum Opfer, darunter auch die Eltern des 3 Monate alten Lorenzo. Weil sie Angst vor Ansteckung hatten, wagte niemand, den Kleinen zu versorgen. Nur seine Großmutter hatte überlebt und ging des Nachts zum Stadttor neben der Kirche San Lorenzo, um ein Madonnenbild dort um Hilfe zu bitten. Und siehe da, am Morgen konnte die 75-jährige den Kleinen stillen. Sogar Lorenzo de‘ Medici eilte herbei, um das Wunder zu begutachten, heißt es. An der Stelle, wo Monna Tancia zur Madonna betete wurde später die Basilika errichtet.

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Blick auf die Basilika, links San Lorenzo und das Museum der Basilika

Nach so viel Geschichte und Geschichten auf engstem Raum, setze ich mich auf einen Aperitif ins Caffè Fiorenza an der Piazza Cavour und schaue auf zum „Marzocco“, der unverwandt Richtung Florenz blickt. Er wäre wahrscheinlich nicht damit einverstanden, dass San Giovanni jetzt zur Provinz von Arezzo gehört.

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