VALDARNO – Wiege von Humanismus und Renaissance

Die Renaissance und ihre humanistischen Wurzeln sind in aller Munde und Dom, David und Uffizien wie Magnete, die Florenz 2017 mehr als 15 Millionen Übernachtungen einbrachten. Doch die Künstler und Genies der Renaissance waren oft gar keine waschechten Florentiner, sondern kamen aus der umliegenden Provinz. Viele merkwürdigerweise aus dem Valdarno zwischen Florenz und Arezzo, zunächst ein sumpfiges, ziemlich unbeachtetes Niemandsland, das dann aber zunehmend von Florenz als Vorposten gegen Arezzo aufgebaut wurde.

Im Hintergrund die Burg Torre del Castellano

Nachdem seine Familie 1302 aus Florenz verbannt worden war, weil sie der nicht genehmen Faktion der “weißen Guelfen” angehörte, verbrachte Francesco Petrarca (1304-1374) seine Kindheit teilweise in Incisa hoch über dem Fluss Arno. Von diesem Ort sagt der Poet und Mitbegründer des Humanismus später im “Canzoniere”, es gebe “keine Paläste, Theater, Loggien, sondern stattdessen eine Tanne, Buche, Pinie zwischen grünem Gras und dem schönen nahen Berg,” wo “der Intellekt von der Erde zum Himmel schweift”.

Hässliche Statue eines interessanten Mannes: Poggio Bracciolini

Florenz ließ sich einiges einfallen, damit Arezzo ihm nicht (wieder) gefährlich werden konnte. Vor allem baute es Städte – wie das kleine Terranuova (wie der Name schon sagt). Von dort stammte Poggio Bracciolini (1380-1459), ein Feuerwerk an Geist und Unternehmungslust, dem es Spaß machte, in Klöstern überall in Europa antike Schriften aufzustöbern. So fand er, wahrscheinlich in Fulda, die einzig erhaltene Ausgabe von “De rerum natura” von Lukrez. Außerdem lieferte der Sekretär von acht Päpsten mit seinen “Facezien” – einer Sammlung derber bis dreckiger Witze, oft aus kirchlichem Milieu – einen internationalen Bestseller.

Hier wurde Masaccio geboren – kein Wunder, dass er Perspektive entwickelte.

Wunderlich ist die Tatsache ja schon, dass eine der größten “Erfindungen” der Renaissance – in Wahrheit eher eine Findung, denn erfunden wurde ja nichts – von einem kaum Zwanzigjährigen Maler namens Masaccio (1401-1428) ausging. Der in San Giovanni Valdarno geborene Junge hatte zum ersten Mal die Perspektive in der Malerei angewandt und damit die Realität in die Kunst hineingezogen. Man schaue hierzu die “Trinità” in Santa Maria Novella oder “Il tributo” in Santa Maria del Carmine an. Bummelt man heute durch die Straßen von San Giovanni und betrachtet die Häuser und Menschen, meint man mitten in einem Gemälde Masaccios zu wandeln. Ein allererstes Jugendwerk des mit 26 Jahren unter mysteriösen Umständen verstorbenen Künstlers kann man im Museo Masaccio in Cascia, Reggello, besichtigen.

Das Zentrum von San Giovanni mit Palazzo d’Arnolfo und im Hintergrund die Basilika Santa Maria delle Grazie.

Marsilio Ficino (1433-1499) war der Sohn des Leibarztes von Cosimo “Il Vecchio” (dem Alten) und wohnte zunächst in Figline, heute quasi ein Vorort von Florenz und besuchenswert für seine großzügige, trapezförmige Piazza. Wie Figline – übrigens bis heute – seine Identität zwischen ländlichem Markt und Stadt nicht genau zu definieren weiß, so schwankte auch der belesene und von Cosimo de‘ Medici geschätzte Gründer der Platonischen Akademie im Laufe seines Lebens immer hin und her, zwischen Glauben und Astrologie, Epikur und der Bibel.

Piazza Figline

Ein Ausflug in den Valdarno, Heimat so vieler Größen von Humanismus und Renaissance, lässt das Feuer dieser Epochen neu erglimmen und auch der “David” steht danach in anderem Licht – Michelangelo wurde ja in Caprese in der Provinz Arezzo geboren und ist damit ebenfalls kein genuiner Florentiner.

 


FREIMAURER IN FLORENZ

Die bekanntesten Freimaurersymbole sind Winkelmaß und Zirkel. Mit ihrer Hilfe kann das Haus richtig und gut gebaut werden. Im übertragenen Sinn sollen sie für aufrechtes Leben, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit stehen.

Die italienische Nationalhymne beginnt mit den Worten “Fratelli d’Italia…” und mit fratelli – Brüder reden sich die Freimaurer untereinander an. 1847 vom “Bruder” Goffredo Mameli geschrieben, ist die Hymne seit 1946 als italienische Nationalhymne in Gebrauch. Der Freimaurer Giuseppe Mazzini schlug die Farben der italienischen Flagge vor und der Freimaurer Giuseppe Garibaldi griff die tricolore bei seinem Kampf um die Einigung Italiens auf.

Terrasse mit Aussicht auf die Domkuppel, die in ihrer Einzigartigkeit Ansporn für die Freimaurer-Architekten bedeutet.

Es waren Engländer, die 1732 die erste Loge auf italienischem Boden gründeten, natürlich in Florenz. Das Freimaurertum gefiel hierzulande. Ein Fünftel der Mitglieder der italienischen Loggia Grande Oriente d’Italia ist in 48 Florentiner Logen anzutreffen. Insgesamt gibt es in Italien 103 Logen.

„Tempel“ – Versammlungsraum mit Fresken der Herkulessaga

Der Palazzo Roffia im Borgo Pinti – der sich einst außerhalb der Stadtmauern befand und heute mitten im Zentrum steht – beherbergt im ersten Stock einige als “Tempel” eingerichtete, freskenverzierte Räume der Freimaurer, die für gewöhnlich nicht öffentlich zugänglich sind.

Die Leidenschaften sollen gezügelt, die Vernunft gestärkt werden – hier allegorisch abgebildet mit entwaffnetem und gebundem Eros.

Das Freimaurertum florierte bis der Faschismus aufkam. Im Jahr 1925 wurden unliebsame Vereine verboten, darunter auch das Freimaurertum, deren Logen formal aufgelöst wurden, im Untergrund aber weiter bestanden.

Das freie Denken soll Flügel verleihen. Doch manch einer klammert sich noch ängstlich am Baum des Wissens fest, da er noch nicht das nötige Selbstvertrauen besitzt.

Die Ziele des Freimaurertums, in jedem Fall ein Gewächs der Aufklärung, waren und sind nicht immer klar, obwohl sie humanistischen Ursprungs sind und zur “moralischen und spirituellen Erhebung” der Menschen dienen sollen. Aber Geheimnistuerei, für viele Menschen unverständlicher Symbolzauber und hierarchische Strukturen fördern natürlich Misstrauen. In den 80er Jahren wurde nahe Florenz bei Arezzo die Loge P2 von Licio Gelli aufgedeckt, die unter den Fittichen des Florentiner Großmeisters Lino Salvini gedieh und wohl einen Umsturz des italienischen Staats plante.

Auch für Freimaurer gilt: Ordnung ist das halbe Leben. „Degen müssen aufgeräumt werden“ steht auf dem Papier.