KULTWEIN CABERLOT

Die 5 Weinbibeln Italiens (Espresso, Gambero Rosso, Bibenda, Veronelli, Slow Food) sind sich einig: neben den großen Namen des Weinbaus hat es ein ganz kleines Weingut im toskanischen Mercatale in den Olymp unter die 5 besten italienischen Weine geschafft: Il Carnasciale mit seinem Wein “Caberlot”.

Nie gehört? Kein Wunder. Webseite? Fehlanzeige. Aufmerksamkeit unter Kennern hat der Wein eh genug, da braucht es keine Marketing-Maschinerie.

Um zum Weingut Il Carnasciale zu gelangen orientiere ich mich zuerst am weithin sichtbaren Aussichtsturm von Galatrona, der über dem Dörfchen Mercatale bei Bucine weithin sichtbar in die Landschaft ragt. Dann bemerke ich einen kleinen Hinweis am Wegrand, der nur Eingeweihten etwas sagt, ein Kreuz, das wie ein X aussieht.

Der "Wegweiser" nur fuer Eingeweihte

Der „Wegweiser“ nur für Eingeweihte

Der Kultwein Caberlot ist eine spontane Kreuzung von Cabernet Franc und Merlot. Ein Agronom aus der Emilia Romagna hat sie in den 60er Jahren entdeckt und die Stecklinge schließlich an die Deutschen Rogoskys verkauft, die sich seit 1972 in der Toskana niedergelassen haben.

Seit 1985 bauen die Rogoskys den Wein an, und das anfangs auf nur 3 Hektar Land. Im Jahr 2004 haben sie die Weinberge auf knappe 5 Hektar erhöht. Sie sind bis heute die einzigen Caberlot-Produzenten weltweit.

Weingut "Il Carnasciale"

Weingut „Il Carnasciale“

Die letzten paar Kilometer fahre ich entlang einer ungeteerten Straße. Der Weinberg ist das erste, was ich sehe – eingezäunt, wegen der nächtlichen Besuche der Wildschweine, denen die Trauben auch gut schmecken. Im podere empfangen mich Bettina Rogosky und ihr Sohn Moritz. Bettina ist eine tolle Frau und die Seele hinter der Marke Caberlot, herzlich, gastfreundlich und sehr präsent zieht sie die Fäden.

In die Cantina zur Degustation

In die Cantina zur Degustation

Dann steige ich zum Önologen Peter Schilling in den Weinkeller hinab, denn ich will ja wissen, was es nun mit dem Wein auf sich hat. Von Peter ist man sofort eingenommen, hemdsärmelig transportiert er eine riesige Leidenschaft für den Weinbau, gepaart mit Präzision und ganz viel Erfahrung. Gerade erklärt er amerikanischen Gastronomen und Weinhändlern die Besonderheit eines jeden Jahrgangs. “Komm her, probier den 2012er!”, ruft er mir zu.

Die verschiedenen Jahrgaenge und Lagen werden probiert

Degustation mit Kunden aus Amerika

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich von Wein trotz der vielen Jahre, die ich in Italien lebe, relativ wenig verstehe. Einmal wurde ich von der sehr prominenten Besitzerin eines Weinguts zu einer Degustation eingeladen. Auf die Frage: “Und, wie schmeckt Ihnen der Rotwein?”, gab ich ehrlicherweise die Antwort: “Er perlt auf der Zunge”. Worauf die Dame erblasste und meinte: “Oh Gott, das darf er nicht, das ist ein Weinfehler!”. Seitdem halte ich mich mit technischen Wertungen zu den Weinen zurück. Auch Bananen-, Mango- und Brombeernoten erkenne ich nur schwer. Allerdings kann ich schon sagen, ob ein Wein mir schmeckt oder nicht.

Peter schwärmt vom einzigartigen terroir des Valdarno, das sich durch den besonderen Kalk- und Mineralgehalt des Bodens auszeichnet. Schließlich war das gesamte Tal vor Jahrmillionen einmal ein See. Von der Qualität des Bodens wußte schon Lorenzo de‘ Medici, der die Gegend in einem Dokument von 1716 in gleichem Atemzug mit dem Chianti nennt.

Peter Schilling hat alles im Griff

Peter Schilling hat alles im Griff

Wow, wow, wow!!” Die Amerikaner sind von dem, was sie gerade probieren, begeistert. “That’s real stuff, no cougar juice!” Mit letzterem sind Weine mit dominanter Eichennote gemeint, die reifere Damen in Amerika beim date mit jüngeren Liebhabern bevorzugen.

Peter lacht dazu und meint: ”Das beste Labor um einen guten Wein zu machen, ist immer noch der Gaumen.” Er lässt einen weiteren Wein probieren. Die Weine sind alle nach Lage und Jahrgang getrennt in neuen französischen Barriques gelagert. Seit ein paar Jahren gibt es außer dem Caberlot auch den Zweitwein Carnasciale. Caberlot werden jährlich nur 3.500 Flaschen produziert, allesamt 1,5 l Magnum. Der Carnasciale hingegen ist in gängigen 0,75 l Flaschen erhältlich und auch für den Käufer weniger kapitalintensiv.

Ob Caberlot preiswert – im Sinne von seinen Preis wert – ist, möchte ich am nächsten Tag herausfinden. Familie Rogosky und Peter Schilling haben mich eingeladen, an der Ernte eines Weinbergs teilzunehmen. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen.

Toskana-Feeling nach der Arbeit bei Bettina Rogosky (Mitte) und Sohn Moritz (stehend) und Gaesten

Toskana-Feeling nach der Arbeit bei Bettina Rogosky (Mitte) und Sohn Moritz (stehend rechts) und Gästen

Am darauf folgenden Morgen hat sich das Wetter gedreht, Wolken ziehen auf und ein herbstlicher Wind weht von Süden her. Geerntet wird bei jedem Wetter. Und Familie, Freunde, alle packen mit an. Auf Italienisch und Deutsch, alle rufen durcheinander, es herrscht eine heitere Atmosphäre. Die Arbeit im Weinberg verbindet den italienischen Pensionär aus Bucine und den deutschen Werbefachmann aus Frankfurt, die sich im Leben sonst nie begegnet wären. Mit zehn Leuten dauert die Ernte eines Weinbergs ca. 3 Tage. Aber das kann variieren, je nach Zustand der Trauben. Jede Traube wird von Hand verlesen, gedreht und gewendet. Ich staune angesichts der Sorgfalt, mit der gearbeitet wird. Peter zieht seinen Nachbarn auf: “Du hast die Traube da hinten übersehen, das verkleinert unsere Ernte erheblich.”

Jede Traube wird unter die Lupe genommen

Jede Traube wird unter die Lupe genommen

Auch in der Toskana hat sich das Klima geändert”. Peter erklärt, dass starke Regenfälle oder Hagel im Hochsommer zugenommen haben. “Und zum Glück ist der Weinberg hier gut ventiliert, sonst droht sofort Schädlingsbefall.” Die Behandlung erfolgt dann unverzüglich und möglichst schonend, zum Beispiel mit Brennesselwasser.

Alle packen mit an

Alle packen mit an

Dieses Jahr verlief günstig, der Sommer war heiß und trocken, es gab keinen Regen zum falschen Zeitpunkt oder Hagel, und auch so gut wie keine Plagen durch Insekten oder Schimmel. “Der 2015er wird ein super Jahrgang, wenn nicht sogar ein Jahrhundertwein”, ist Peter überzeugt.

Caberlot- Trauben

Caberlot- Trauben

Wie ich ihn denn nun fand, als ich ihn probierte, den Caberlot? Ein Wein, den ich unter vielen anderen wieder erkennen würde, unverwechselbar. Wirklich gut. Und ihr, habt ihr ihn schon probiert?