WANDERUNG NACH POGGITAZZI, Malva, Persignano

Gestern hat es geregnet. Deshalb suche ich mir heute eine leichte Wanderung, mit geteerten Straßen, um nicht mit den Schuhen im Matsch zu versinken. Was ich noch nicht weiß – das dicke Ende kommt am Schluß.

Der Weg CAI 35 beginnt kerzengerade gleich neben der Osteria I'Casolare

Der Weg CAI 35 beginnt kerzengerade gleich neben der Osteria I’Casolare

Es ist im Tal ein wenig neblig, ich parke mein Auto auf dem Grundstück der Osteria I’Casolare in der Via delle Balze, die San Giovanni mit Terranuova Bracciolini verbindet und von wo aus auch Verbindungsstraßen zur Via Setteponti hochführen. Der Wanderweg – gekennzeichnet CAI 35 – beginnt 50 Meter weiter rechter Hand. Zuerst ist der Weg sehr gerade und führt an ein paar verstreuten Häusern vorbei. Wie zersiedelt die Landschaft doch ist, für jedes einzelne Haus müssen Strom, Wasser, vielleicht auch Gas extra angeschlossen werden.

Wie ein Amphittheater - die balze im Nebel

Wie ein Amphitheater – die balze im Nebel

Zumindest die Aussicht von hier auf die “balze”, die zerklüfteten Sandsteinformationen, ist großartig. Wie ein Amphitheater formen sie ein Rund. Am letzten Haus passiere ich eine Schranke und der Weg wird schmal.

Jetzt geht es hinein in die mit Vegetation überwucherten Sandsteinhänge. Neben mir plätschert ein Rinnsaal den Weg entlang. Im Sommer wird es versiegt sein, aber jetzt verwandelt es den Weg ab und an in eine Matschgrube. Langsam beginnt der Anstieg hinauf zur Fattoria Poggitazzi.

Den Wildschweinen gefaellt der Matsch

Den Wildschweinen gefällt der Matsch

Der Sturm vom 5. März 2015 hat hier deutliche Spuren hinterlassen. Vor allem Pappeln sind umgeknickt wie Streichhölzer. Ab und zu muss ich über die Baumstümpfe steigen, aber der Weg bleibt trotzdem gut mit weiss-roten Streifen gekennzeichnet.

Villa mit langer Geschichte - die Fattoria Poggitazzi

Villa mit langer Geschichte – die Fattoria Poggitazzi

Dann mündet der Fußweg in der Nähe der Fattoria in einen breiteren, befahrbaren Weg und ich wende mich nach links. Die Fattoria Poggitazzi erstreckt sich über mehr als 400 Hektar Land. In den ebenen Flächen wird vor allem Getreide angebaut, aber es gibt auch viele Olivenhaine und Weinberge. Die Villa hat longobardische Ursprünge, sehenswert ist besonders der hübsche italienische Garten auf der Rückseite neben der kleinen Kapelle.

Die roten Beeren sind im November ein willkommener Farbklecks

Die roten Beeren sind im November ein willkommener Farbklecks

Ich wandere die von Zypressen und Pinien gesäumte Auffahrt der Fattoria entlang, vorbei an den einstigen Stallungen, die heute zu Apartments ausgebaut sind, Richtung Via Setteponti. Nach wenigen Minuten habe ich die Panoramastraße erreicht, verlasse den gekennzeichneten Wanderweg und gehe ab jetzt auf der Via Setteponti nach links, Richtung Malva.

Auch die Pferde darben nicht

Auch die Pferde darben nicht

Die gepflegten Olivenhaine, unter jedem Baum ein Häufchen Mist als Dünger, gehören noch zur Fattoria. Ich passiere einen madonnino, einen Madonnenschrein mit weißer Maria vor blauem Hintergrund, die man häufig in dieser Gegend findet. Die Leute hängen sehr an der Marienfigur.

Madonnenschrein

Madonnenschrein

In der kleinen Gemeinde Malva befindet sich in einer Kurve eine Bar mit viel Lokalkolorit. Als ich ankomme, ist gerade Mittagszeit. Im Ort befindet sich eine Schuhfabrik und die Arbeiter essen hier zu Mittag. Die freundliche Bedienung bereitet mir schnell ein mit finocchiona, frischer Fenchelsalami, belegtes Brot.

Persignano mit Kirche

Der Ortskern von Persignano mit Kirche

Dann trete ich den Rückweg an, immer auf der bequemen asphaltierten Strasse hinunter Richtung Persignano. Auf dem Weg erhasche ich immer wieder spektakuläre Ausblicke auf die balze.

Immer noch liegt der Nebel im Tal

Immer noch liegt der Nebel über dem Tal

Persignano ist ein hübscher kleiner charakteristischer Ort, der schon von den Römern gegründet wurde. Am Ortseingang liegt der lavatoio, das Becken, an dem früher die Frauen gemeinsam die Wäsche gewaschen haben – da hatten sie gewiss einiges zu erzählen. Die Einwohner hier haben offensichtlich ein Faible für Katzen aller Rassen und Farben, scheu schauen sie aus den Gärten, wenn ich vorbei gehe. Ich verlasse die Hauptstraße, um mich rechter Hand in die kleinen Gässchen um die Kirche zu begeben.

Die Schafe grasen auf dem Feld zwischen vom Sturm geknickten Bäumen

Die Schafe grasen auf dem Feld zwischen vom Sturm geknickten Bäumen

Entlang der Verbindungsstraße zwischen der Via Setteponti und der Via delle Balze unten im Tal liegen Gehöfte mit Hühnern und Schafen, dahinter Weinberge. Nach ca. 20 Gehminuten stoße ich wieder auf die Via delle Balze. 300 Meter weiter rechts liegt eine der besten Eisdielen des Valdarno, Il Parco Carabè, im Sommer würde ein Abstecher sich lohnen. Obwohl der Park weit abseits von großen Ortschaften liegt, pilgern an lauen Sommernächten nachmittags oder nach dem Abendessen lange Autokolonnen hierher auf ein Pistazieneis.

Das Wetter verschlechtert sich, der Himmel ist bedeckt und es droht ein Regenguss. Ich beeile mich, nach links zurück zum Auto zu gelangen. Das letzte Stück entlang der Straße zieht sich, dann sehe ich die Osteria I’Casolare – wo man im Sommer sehr gemütlich auf der Terrasse sitzt, das Essen ist auch empfehlenswert.

Osteria I'Casolare

Osteria I’Casolare

Und der Inhaber hat meinen Tag gerettet! Als ich am Auto ankomme, ist die Batterie leer – ich habe das Licht angelassen. In 5 Minuten hat der Inhaber sein Auto geholt und mit den Starthilfekabeln den Motor wieder in Gang gebracht. Ende gut – alles gut.


DER KLEINE „GRAND CANYON“ DER TOSKANA

Ich nenne sie “balze” wie im Italienischen, die Sedimente aus Stein, Lehm und Sand, die den Valdarno an manchen Stellen wie eine Miniatur des “Grand Canyon” erscheinen lassen. Es klingt viel schöner als „Sandsteinsedimente“ oder ähnliches. Vor Jahrmillionen war der Valdarno einmal ein See. Die Sedimente, die er zurückließ, machen den Valdarno zu einer einzigartigen Landschaft, die schon Leonardo da Vinci faszinierte. Im Hintergrund der Mona Lisa sind die balze zu sehen.

Die einfache Wanderung, die auch ideal für Kinder ab ca. 6 Jahren und Hunde ist, dauert ca. 2-3 Stunden und beginnt am Turm in Castelfranco, wo man auch parken kann.

Der Wachtum von Castelfranco

Der Wachturm von Castelfranco

Castelfranco, ausgezeichnet als eines der 100 schönsten Dörfer Italiens, wurde von einem der Star- Architekten der Frührenaissance, Arnolfo di Cambio, neu entworfen. Florenz wollte seinen Einfluss festigen und ließ deshalb neue Siedlungen bauen, in denen die Leute 10 Jahre steuerfrei leben konnten.

Castelfranco erinnert an ein römisches Castrum, mit seiner zentralen piazza, und dem rechtwinkligen Straßenraster. Auch Teile der Stadtmauer sind noch erhalten.

Stadtmauer

Stadtmauer

Durch das Tor gehe ich zur piazza und dann nach rechts, verlasse Castelfranco durch das Osttor und biege sofort wieder rechts in die “Via delle balze” ein. Der Weg schlängelt sich bisweilen am Abgrund entlang. Oft gibt es Erdrutsche, die balze sind nicht besonders stabil. Regengüsse tun ein Übriges, dass sie langsam aber sicher erodieren.

Ende Oktober beginnt die Olivenernte, das beherrschende Thema in den kommenden Wochen. Die Familien ernten oft noch im traditionellen Stil, breiten Netze unter den Bäumen aus und kämmen mit kleinen Rechen die Oliven vom Baum.

Ende Oktober bis Ende November werden die Oliven geerntet

Ende Oktober bis Ende November werden die Oliven geerntet

Dann wird die Straße abschüssig und sofort bin ich mitten in den balze. Ein Hauch Arizona und Spaghetti-Western in der Toskana – wobei heute auch die Temperaturen passen, ich bin noch im T-shirt unterwegs.

Klein-Arizona in der Toskana

Klein-Arizona in der Toskana

Ganz unten vor einem Haus biege ich nach rechts auf einen kleinen Pfad ins grüne Dickicht ab und gelange bald an einen Bach, den ich überquere und der dann mein ständiger Begleiter neben meinem Weg ist.

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Der Weg ist schattig und auch im Sommer angenehm kühl. Rechter Hand erhasche ich immer wieder herrliche Blicke auf die balze. Der Weg wird breiter, befahrbar, vereinzelte Häuser tauchen auf. Dann gelange ich an eine Kreuzung: rechts geht es zu einer viel befahrenen Straße mit Industriehallen.

Der Weg aber führt nach links, vorbei an einer Hundeschule, die nicht zu übersehen und -hören ist. Dies ist der schönste Teil der Wanderung. Das Tal öffnet sich und gibt den Blick frei auf die balze, umgeben von Wiesen und Weinbergen, ein Traum!

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Ich folge dem Hinweisschild zu einem Agriturismo Osteria “Le balze”, wo man übrigens auch eine Pause einlegen und eine super Antipasti-Platte genießen kann (besser vorher anrufen). Wenige Meter vor dem Eingang zur Osteria biege ich nach rechts ab und überquere ein Bächlein.

Blick zurueck

Nach einer Pappelreihe, die den Wegrand säumt, lohnt sich ein Abstecher nach links zu einer kleinen Höhle. Als es noch keine Kühlschränke gab, wurden hier auch Lebensmittel gelagert.

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Dann beginnt der Anstieg durch eine von allen Seiten zugewachsene, hohle Gasse. Es führt – frei nach Schiller – kein anderer Weg nach Piantravigne. Am Brunnen am Ortseingang geht es nach links in die dem Ort entgegen gesetzte Richtung. Nach wenigen Minuten gelange ich an die kurvenreiche Provinzstraße Setteponti und sehe den Ort Certignano.

Blick von Piantravigne Richtung balze

Blick von Piantravigne Richtung balze

Vor der letzten Kurve, an der zur Zeit eine Ampel steht, empfehle ich über einen kleinen Pfad linkerhand abzukürzen. Dann sieht man nämlich nicht nur eine alte steingemauerte Brücke, sondern auch einen wunderschönen Pizzaofen.

Pizzaofen

Pizzaofen

In Certignano hat ab 15 Uhr die Fattoria geöffnet und wer mag, kann hier die lokalen Weine probieren. Die Weinberge der Fattoria sind übrigens die, die ich vorhin unten bei den balze gesehen habe. Certignano ist ein gepflegtes und gut restauriertes Dorf, das auch einen kleinen Abstecher lohnt.

Das letzte Stück des Wegs zurück nach Castelfranco gehe ich entlang der Via dei Setteponti. Das ist zwar nicht so schön, wie auf einem autofreien Weg, aber bequem. Eine Mini-Kapelle am Wegrand bietet außerdem Unterschlupf, sollte es regnen. Darin befinden sich zwei glasierte Keramikmadonnen, eine Technik, die von der Familie der della Robbia im 15. Jahrhundert entwickelt wurde.

Madonnen am Wegrand

Madonnen am Wegrand

In Castelfranco sehe ich schon von Weitem den Glockenturm der Badia a Soffena. Falls man das Glück hat, einen Blick ins Innere erhaschen zu können, sollte man sich die Fresken der Kirche keinesfalls entgehen lassen – gemalt unter anderen vom Bruder Masaccios, der von allen “Lo scheggia”, (der Splitter) gerufen wurde.

Badia a Soffena

Badia a Soffena

Bei den Carabinieri biege ich nach links in die kerzengerade Hauptstraße ein, an deren Ende ich den Uhrtum sehe. Auf der piazza gönne ich mir einen spuntino (Happen), während die englischen Touristen neben mir die Eisbecher leeren.

Castelfranco

Castelfranco

Leichte Wanderung – ca. 2-3 Stunden – geeignet für Kinder ab 6 Jahren.