EIKE SCHMIDT: erste Bilanz des neuen Direktors der Uffizien

Vor gut einem Jahr war es der Aufreger: von 20 international ausgeschriebenen Stellen für die Direktion italienischer Museen wurden 7 Stellen an Ausländer vergeben. Und ausgerechnet das mit 2 Millionen Besuchern jährlich wichtigste staatliche Museum der Uffizien in Florenz ging an – einen Deutschen. Ein Aufschrei der Überraschung und bisweilen der Empörung jagte durch den Blätterwald wie durch die sozialen Netzwerke. Wie konnte man nur?

Ein Jahr ist vergangen. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Was hat Eike Schmidt, der vorher Kurator in Minneapolis war, vorgefunden, was hat er erreicht, was sind die Ziele?

Am Eingang zum Verwaltungsbereich der Uffizien in der Via della Ninna wachen drei Leute am Empfang darüber, dass  niemand Unbefugtes das Gebäude betritt. Man muss den Ausweis abgeben, bekommt einen Gästepass. Die Direktion sitzt nicht etwa in luftiger Höhe der Macht, wie in Konzernen üblich, sondern in Büros gleich am Eingang, schnelle Wege also. Die Einrichtung ist typisch für die italienische Verwaltung, ziemlich grau, eine Mischung aus altem Mobiliar und noch älteren Gemälden. Das Zimmer des Direktors, der immerhin einen Apparat von rund 600 Mitarbeitern führt, ist klein und wirkt bescheiden. Über dem Schreibtisch hängt ein Gemälde seiner Vorgänger, die ihm beim Arbeiten über die Schulter und auf die Finger schauen. Tradition ist wichtig.

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Eike Schmidt anlässlich einer Ausstellungseröffnung 2016 im Palazzo Pitti

Eike Schmidt ist freundlich, leise, redet dabei aber durchaus Tacheles:”Die Situation, die ich vorfand, war katastrophal. Aufgaben wurden doppelt besetzt und von mehreren Abteilungen überschneidend bearbeitet, Werke mehreren Ausstellungen gleichzeitig versprochen.” Schmidts Anliegen war es, zuerst die Verwaltung logisch und funktional zu strukturieren. Der vorherige Direktor der Uffizien, Antonio Natali, der sich ebenfalls um die Direktion beworben hatte und dementsprechend gekränkt war, dass er übergangen wurde, äußerte sich bei einem Vortrag öffentlich dazu mit einem Wort, das er vielsagend dem Publikum hinwarf, als handele es sich um eine ansteckende Krankheit: “Management!”

“Man kann es nicht allen recht machen”, weiß Eike Schmidt. “Die einen feiern dich als Messias, die anderen kritisieren. Damit muss man leben.” Es geht ihm darum, das Erlebnis für die Besucher zu verbessern. Dass man anstelle der Kunstwerke nicht nur die Köpfe anderer Besucher vor sich sieht. Dass die Werke gut zu betrachten sind, dass sie gut ausgeleuchtet sind, dass man nicht durch Spiegelglas irritiert wird.

Eine andere Baustelle ist der „geheime“ Vasari-Korridor, der von den Uffizien über den Ponte Vecchio bis zum Palazzo Pitti führt. Hier müssen Notausgänge eingebaut werden. Ausgewählte Werke der Galerie der weltberühmten Selbstporträts sollen endlich allen zugänglich gemacht werden, im 1. Obergeschoss. “Die Schlangen am Eingangsbereich der Uffizien zu reduzieren geht leider nicht von heute auf morgen. Aber wir arbeiten dran.”

Ein anderes Thema, das das Blut so mancher in Wallung bringt, ist die Vermietung von Räumlichkeiten der Museen an Firmen, zum Beispiel den Innenhof des Palazzo Pitti. Ab 50.000 Euro kann man sich einen Abend lang ganz wie ein Medici fühlen. “Wir achten darauf, dass die Veranstaltungen dem Rahmen angemessen sind und unser Personal ist auch während der Events präsent, damit nichts passiert” so Schmidt. Ein Junggesellenabschied wird also sicher nicht genehmigt.

Auch die Verbindung zum Territorium soll verbessert werden. Einzelne Werke sollen künftig verstärkt für Ausstellungen verliehen werden. “Wenn’s Sinn macht”, setzt Schmidt dazu. Den macht es zum Beispiel anlässlich des 500. Todestags 2019 von Leonardo da Vinci. Das erste Werk des Künstlers, die Zeichnung “Il Paesaggio” (datiert 5. August 1473), wird 5 Wochen lang in Leonardos Geburtsort Vinci zu sehen sein.

Vor dem Termin hatte ich mich auf dem Flur vor dem Büro des Direktors kurz mit einem Angestellten unterhalten. Auf die Frage, wie er die Situation der Uffizien und die neue Leitung beurteile, meinte er:”Besser als vorher, es geht nicht schnell, aber es bewegt sich was.” Das heißt schon was in Florenz.


CLET – einfache Mittel, große Wirkung

Manche mögen ihn – die Leute. Und manche nicht. Die Verwaltung, Bürokraten und Polizisten. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Clet, der mit vollem Namen eigentlich Clet Abraham heißt, in der Bretagne aufwuchs, aber seit 1990 mit kurzen Unterbrechungen in Italien lebt, sagt, drei Dinge sind ihm wichtig: sein rebellischer Charakter hinterfragt die Autoritäten, er möchte so effizient wie möglich visuelle Kommunikation betreiben und er ist gerne auf der Straße, unter Leuten.

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Dem Stadtturm von S. Niccolò hat Clet auch schon eine Pappnase verpasst

So kam es, dass er 2010 schließlich auf die Idee verfiel, Straßenschilder durch Kleinigkeiten zu verfremden, z. B. durch seine charakteristischen schwarzen Männchen. Sie stellen den “gewöhnlichen kleinen Mann” dar. In Florenz kann man sie hier und da entdecken, wenn man auf die Schilder an den Straßen acht gibt.

Der Weg zur Kunst war lang und nicht einfach. Nach der Kunstakademie in Rennes zieht Clet nach Rom und hält sich als Möbelrestaurator über Wasser. Dann geht’s ins abgeschiedene Casentinotal, wo er schreinert. Dass er 2001 nach Florenz kam, war Zufall. Eine Beziehung war in die Brüche gegangen und er musste Geld für den Unterhalt seines Sohnes verdienen. Die nächstgelegene Stadt war Florenz. Er sah das Atelier in der Via l’Olmo 8, beschloss, sich als Künstler zu versuchen und hatte den Einfall mit den Straßenschildern. In Nacht- und Nebelaktionen verwandelte er die Straßenschilder zu Kunstwerken, die dann von den Behörden regelmäßig konfisziert wurden. Ein Katz- und Mausspiel begann.

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Man achte in Florenz auf die Straßenschilder – es könnte Kunst sein

Heute ist der Bürgermeister von Florenz, Dario Nardella, zumindest freundlich und hat seinen Frieden mit Clet geschlossen. Auch wenn der Künstler kaum öffentliche Aufträge von der Stadt bekommt. “Sie sehen nur die Renaissance als Kunst an”, meint Clet mit sanfter Stimme, die Augen ein bisschen verträumt hinter der schwarz gerahmten Cary Grant Brille. Wie ein enfant terrible klingt er gar nicht, eher amüsiert.

Seine Kunstwerke haben ihn über Florenz hinaus bekannt gemacht. Besonders in Mailand arbeitet er viel. In Deutschland hat er in Berlin und Nürnberg Aktionen durchgeführt. “In Nürnberg war ich zu langsam und wurde verhaftet. Die Polizisten waren die freundlichsten, die ich je getroffen habe”, sagt er und streicht sich schelmisch grinsend eine graumelierte Locke aus der Stirn. “Es würde mir gefallen, in Deutschland zu arbeiten.” Seine Straßenschilder erzielen mittlerweile Preise zwischen 1000 und 7000 Euro, aber Aufkleber mit seinen Werken als Andenken gibt’s auch schon für volksnahe 1 Euro.