DANTES ZUFLUCHT – Form und Raum

Das erste Mal hatte ich den Ort vor einem Jahr besucht und war sofort eingenommen: mittelalterliche Häuschen, eng aneinander gekuschelt zu Füßen einer Burg, von der wenig mehr als ein Turm übrig ist. Dazwischen eine weite Wiese mit Brunnen, wie man sich das Rapunzel-Märchen einbildet. Die Sensationen waren friedlich, freundlich und noch mehr: einladend, beschützend.


Jetzt wieder. Der Blick schweift hinüber zur anderen Burg des Tals, nach Romena und dann weiter zur Burg von Poppi, Vorbild für den Palazzo Vecchio in Florenz. Eine Kette von Formen im Raum, die Sicherheit gibt. Die Burgen der Conti Guidi erlebten ihre Glanzzeit im ausgehenden Mittelalter. Nachdem Dante Alighieri aus Florenz verbannt wurde, fand er für eine gewisse Zeit hier Zuflucht. Und schrieb, neben anderem, an der “Göttlichen Komödie”.

Die Sonne geht in Richtung La Verna auf, da wo der Hl. Franziskus der Sage nach 1224 die Stigmata empfing, als er sich in die schroffe Felslandschaft inmitten von Buchen- und Tannenwäldern zurückzog. Am Morgen ergießen sich die Sonnenstrahlen wie Milchströme ins Tal und berühren zuerst Romena, dann Poppi und schließlich Porciano.


Abends geht die Sonne hinter dem Pratomagnoberg und dann noch weiter rechts dort unter, wo eine Autostunde entfernt Florenz liegt. Wohin mag Dante bevorzugt geblickt haben? Ins Casentinotal, wo er selbst vor Poppi in der Schlacht von Campaldino mitgekämpft hat und Teil hatte am Sieg von Florenz, der alles was danach kam, Humanismus und Renaissance, erst ermöglichte? Seine eigene Vergangenheit lag Dante hier vor Augen.

Oder blickte er Richtung Pratomagnogebirge und beobachtete den Sonnenuntergang, wenn die Schwalben auf dem Turm zwischen den Zinnen hindurchflogen, als spielten sie Fangen und gedachte Florenz hinter dem Berg, seiner Heimat, die so nah lag und die er doch nie wiedersehen würde?


Ich frage mich auch, ob Dante Rechts- oder Linkshänder war, ob er vormittags oder nachmittags arbeitete? Denn die steinernen Fensterbänke in der Burg sind so ausgerichtet, dass die Sonne morgens von links einfällt und somit die Rechtshänder bevorzugt, nachmittags wiederum auf der anderen Seite die Linkshänder.


Die Geschichte der Burg ist auch die Liebesgeschichte zwischen der Florentinerin Flaminia Goretti de‘ Flamini und dem Amerikaner George Specht, die sich im Krieg kennenlernten und nachher gemeinsam die Burg wieder aufbauten und zu neuem Leben erweckten. Ihre Tochter Martha führt die Burg heute.


Einsam und aufrecht blickt der Turm übers Tal. In seinem Schatten steht die Zeit still. Wo die meisten Orte etruskischen Ursprung verraten – Bibbiena, Romena, Ornina, Rassina – werden bis heute Handwerkskunst und alte Traditionen bewahrt. Die charakteristische Keramik der Gegend mit etruskischen Motiven ist wie die Architektur der Burgen massig und wirkt doch leicht und verspielt. Wandern (in Gesellschaft von Eseln als Schrittmacher! – ich meine tatsächlich die Tiere, nicht etwaige Begleitung), Radfahren, oder Reiten sind beliebte Aktivitäten. Die kulinarischen Spezialitäten des Casentinotals sind berühmt und immer mehr Winzer pflanzen wieder autochthone Reben an. Die Städte Stia, Pratovecchio, Poppi, Bibbiena lohnen einen Ausflug, genau wie die spirituellen Orte La Verna oder Camaldoli.


Baden kann man 500 Meter entfernt im Fluss Arno, der hier noch sauber ist, da er unweit seine Quelle hat. Rapunzeln wie im Märchen habe ich übrigens keine gesehen. Aber Bergminze in Fülle und die verleiht den Gerichten eine besondere Note.


FREIMAURER IN FLORENZ

Die bekanntesten Freimaurersymbole sind Winkelmaß und Zirkel. Mit ihrer Hilfe kann das Haus richtig und gut gebaut werden. Im übertragenen Sinn sollen sie für aufrechtes Leben, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit stehen.

Die italienische Nationalhymne beginnt mit den Worten “Fratelli d’Italia…” und mit fratelli – Brüder reden sich die Freimaurer untereinander an. 1847 vom “Bruder” Goffredo Mameli geschrieben, ist die Hymne seit 1946 als italienische Nationalhymne in Gebrauch. Der Freimaurer Giuseppe Mazzini schlug die Farben der italienischen Flagge vor und der Freimaurer Giuseppe Garibaldi griff die tricolore bei seinem Kampf um die Einigung Italiens auf.

Terrasse mit Aussicht auf die Domkuppel, die in ihrer Einzigartigkeit Ansporn für die Freimaurer-Architekten bedeutet.

Es waren Engländer, die 1732 die erste Loge auf italienischem Boden gründeten, natürlich in Florenz. Das Freimaurertum gefiel hierzulande. Ein Fünftel der Mitglieder der italienischen Loggia Grande Oriente d’Italia ist in 48 Florentiner Logen anzutreffen. Insgesamt gibt es in Italien 103 Logen.

„Tempel“ – Versammlungsraum mit Fresken der Herkulessaga

Der Palazzo Roffia im Borgo Pinti – der sich einst außerhalb der Stadtmauern befand und heute mitten im Zentrum steht – beherbergt im ersten Stock einige als “Tempel” eingerichtete, freskenverzierte Räume der Freimaurer, die für gewöhnlich nicht öffentlich zugänglich sind.

Die Leidenschaften sollen gezügelt, die Vernunft gestärkt werden – hier allegorisch abgebildet mit entwaffnetem und gebundem Eros.

Das Freimaurertum florierte bis der Faschismus aufkam. Im Jahr 1925 wurden unliebsame Vereine verboten, darunter auch das Freimaurertum, deren Logen formal aufgelöst wurden, im Untergrund aber weiter bestanden.

Das freie Denken soll Flügel verleihen. Doch manch einer klammert sich noch ängstlich am Baum des Wissens fest, da er noch nicht das nötige Selbstvertrauen besitzt.

Die Ziele des Freimaurertums, in jedem Fall ein Gewächs der Aufklärung, waren und sind nicht immer klar, obwohl sie humanistischen Ursprungs sind und zur “moralischen und spirituellen Erhebung” der Menschen dienen sollen. Aber Geheimnistuerei, für viele Menschen unverständlicher Symbolzauber und hierarchische Strukturen fördern natürlich Misstrauen. In den 80er Jahren wurde nahe Florenz bei Arezzo die Loge P2 von Licio Gelli aufgedeckt, die unter den Fittichen des Florentiner Großmeisters Lino Salvini gedieh und wohl einen Umsturz des italienischen Staats plante.

Auch für Freimaurer gilt: Ordnung ist das halbe Leben. „Degen müssen aufgeräumt werden“ steht auf dem Papier.