COSPAIA: fast 400 Jahre eine Republik

Im April 1815 brach der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa aus und riesige Mengen Asche und Schwefelgas wurden über die ganze Erde verteilt, was auch in Europa zum “vulkanischen Winter” mit heftigen Ernteausfällen und Hungersnöten führte.

Cospaia liegt heute in der Gemeinde San Giustino in Umbrien an der Grenze zur Toskana

Gleichzeitig wurde nach Napoleons Untergang auf dem Wiener Kongress die Neuordnung Europas beschlossen. Danach blieben im Einflussgebiet Europas und der westlichen Hemisphäre im Wesentlichen vier Republiken bestehen: die Vereinigten Staaten von Amerika, die Schweiz, San Marino – und Cospaia. Wie, kennen Sie nicht? Dabei hatte die Republik von Cospaia fast 400 Jahre Bestand.

Gleich hinter der heutigen Grenze zwischen der Toskana und Umbrien fließen in der ausgedehnten Ebene des Valtiberina die Städtchen Sansepolcro und San Giustino ineinander und am Wegrand steht ein verrostetes Schild, das auf Cospaia verweist.

Anfang des 15. Jahrhunderts gehörte die Ecke dem Kirchenstaat, aber Papst Eugen IV brauchte dringend Geld und um von den Medici 25.000 Florin Kredit zu erhalten, hinterlegte er als Sicherheit einige Ländereien. Es kam wie es kommen musste, der Papst konnte nicht zurückzahlen und die Grenzen zwischen Kirchenstaat und Florenz mussten neu festgelegt werden. Beide schickten ihre Kommissionen von Landvermessern.

Ein schmaler Streifen ist das Land zwischen den Flüsschen, die beide den Namen „Rio“ trugen.

Als Grenze wurde im Süden ein Zufluss des Tiber namens Rio festgeschrieben und auch die Florentiner Kommission notierte dies. Allerdings gab es zwei Flüsschen mit diesem Namen und jede Kommission setzte den ihr nächstgelegenen als Grenze fest. Dazwischen blieb ein Streifen Land von 330 Hektar, ca 700 Metern Breite und einigen Kilometern Länge übrig und darin das kleine Dorf Cospaia auf einem Hügel, in dem ca. 350 Leute wohnten.

Blick aufs Valtiberina

Die Einwohner zögerten angesichts des bürokratischen Malheurs nicht lang und erklärten 1441 ihre Unabhängigkeit. Das brachte einige Vorteile: keine Steuern, Abgaben oder Zölle mehr. Obwohl die Einwohner fast alle Analphabeten waren, die nach wie vor vom Tauschhandel lebten, brachten sie es mit der Zeit durch die Steuerbefreiung zu einigem Wohlstand. Sie achteten darauf, mit ihren Nachbarstaaten in gutem Einvernehmen zu leben. Regiert wurden sie von einem Ältestenrat und einer Vertretung der Familien.

Leitspruch der Republik von Cospaia: perpetua et firma libertas

Im Jahr 1574 ereignete sich eine einschneidende Neuerung: der Bischof Tornabuoni von Sansepolcro erhielt von einem Verwandten aus Paris die Samen einer Pflanze, von der man sich medizinische Wunderdinge versprach – Tabak. Man begann auf den Feldern von Cospaia Tabak anzubauen.

So groß der Erfolg des Pflänzchens auch war, bei der Kirche fiel der Tabak in Ungnade und 1642 drohte Papst Urban VIII mit der Exkommunizierung der Raucher und ein anderer Papst belegte 1724 den Anbau von Tabakpflanzen mit Abgaben. Worte und Gesetze des Papstes galten natürlich nicht für die Republik von Cospaia mit ihrem schwarz-weißen, diagonalen Wappen und dem Leitspruch “Perpetua et Firma Libertas”.

Cospaia wurde das Mekka der Raucher – hier konnte nach Herzenslust angebaut, gehandelt und gequalmt werden. Was mit der Zeit allerdings eine Menge Schmuggler anzog. Die Mächtigen begannen langsam, sich an dem Mini-Staat zu stören und sannen darauf, wie man “die Anomalie” beseitigen könnte.

Die Wirtschaft von Cospaia erblühte in der Zwischenzeit. Im Jahr 1815 war aus dem winzigen Dorf ein Handelsumschlagplatz – vor allem von Stoffen und Kolonialwaren – geworden, da es ja keine Steuern oder Zölle gab. Schließlich riss dem Papst der Geduldsfaden und zusammen mit dem Großherzogtum Toskana hungerten sie die Bevölkerung aus, bis die 14 verbliebenen Familienoberhäupter den “Akt der Unterwerfung” unterzeichneten. Als kleines Feigenblatt gestatteten sie Cospaia weiterhin bis zu einer halben Million Tabakpflanzen anzubauen und der Papst schenkte den Einwohnern je eine Silbermünze als Gegenleistung für die aufgegebene Freiheit. Die Münze wurde von den Einwohnern ironisch “Papetta – Päpstchen” genannt. Bis 1826 – 385 Jahre lang – hat Cospaia sich seine Freiheit und Republik bewahrt. Tabak wird hier heute noch angepflanzt.

 


VAL DI CHIO: Eine Liebe auf den ersten Blick

Es gibt sie doch, die Liebe auf den ersten Blick. Vor ein paar Tagen war ich in Castiglion Fiorentino zwischen Arezzo und Cortona. Da stand ich nun ganz oben auf dem Cassero, dem einst wehrhaften Aussichtstum, der mit seinen klapprigen hölzernen Treppen nur für Schwindelfreie gemacht ist, und blickte in die Landschaft des flachen Chianatals und Richtung Castello di Montecchio. Und dann sah ich in die entgegengesetzte Richtung und es traf mich wie ein Blitz aus kaum bewölktem Himmel.

Der Cassero von Castiglion Fiorentino

Hinter Stiftskirche und Fußballstadion tat sich ein Tal auf, wie eine Welt in Miniatur, eingefasst von gleichmäßigen niedrigen Bergen mit einer einzigen Öffnung nach Castiglion Fiorentino hin, so als hätte ein Meteorit eingeschlagen und einen ellipsenförmigen Krater zurückgelassen. Hinter den Kraterwänden nichts mehr. Wie eine Bucht, wo sich die Wogen des Meeres glätten, lag es verträumt und nach dem Chianatal durch Castiglion Fiorentino verdeckt da. Ein zufällig Vorbeifahrender würde es nur spät oder gar nicht bemerken. Das Tal strahlte auf mich sofort Geborgenheit aus.

Im Weingut Casali in Val di Chio werden auch Hochzeiten gefeiert und Kongresse gehalten (oder auch gefeiert 😉 )

Für einen Augenblick hielt ich die Luft an, fragte, wie es denn hieße und bekam zur Antwort:”Val di Chio”, was in meinen Ohren schon bezaubernd klang. Mit meinem Urteil bin ich nicht allein, denn auch Ferdinando II de‘ Medici rief, als er von der Loggia Vasariana (Vasari hat die Loggia nicht erbaut, sondern nur abgenickt, aber seinen Namen trägt sie trotzdem) auf der Piazza von Castiglion Fiorentino das Tal sah:”Valle di Chio – valle di Dio”. Das Tal Gottes, ein Paradies.

Dann musste ich weiter und bedauerte sehr, dass ich das Tal wahrscheinlich nie sehen würde. Aber manchmal spielt der Zufall Schicksal: mittlerweile hatte es sich in der Gegend herumgesprochen, dass eine nordische Wortgauklerin die touristischen Kleinode besuchen würde und als ich meine Emails durchsah, hatte ich Post von einer Winzerin: ob ich nicht vorbeikommen wolle, um ihr Weingut zu besichtigen? – Wo wohne sie denn? – Im Val di Chio. – Ja, ich will!

Als ich morgens aufbreche, kündigt sich ein heißer Tag an. Die Schablonen der Berge kleben blauschimmernd und tiefenlos am Horizont. Fiebrig und aufgeregt nähere ich mich Castiglion Fiorentino, Geburtsstadt des Schauspielers und Regisseurs Roberto Benigni (“Das Leben ist schön”) und bin schon auf eine Enttäuschung gefasst, denn meine Erwartungen sind – ja was? Wenn man nicht weiß, was einen erwartet, kann man auch keine falschen Erwartungen haben. Ich beschließe trotzdem, alle Gedanken fallenzulassen und biege ab ins Val di Chio.

Roberta (li) und Lidia (re), zwei taffe Winzerinnen mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie produzieren biologische Weiß- und Roséweine und mehrere Rotweine, sowie Olivenöl und Honig

Sofort fällt mir auf, wie gepflegt Straßen und Gärten sind. Und es gibt keine Fabriken oder hässlichen Lagerhallen. Alles sieht so aus, wie vielleicht anderswo vor 50 Jahren. Die Leute schauen mir nach, als ich vorbeifahre – als ob sie es nicht gewohnt wären, Fremde zu sehen.

Lidia Castellucci erwartet mich schon. Die energische wie freundliche Winzerin hat das Gut ihres Großvaters  zusammen mit ihrer Schwägerin Roberta Mitte der 90er Jahre übernommen (die Familie ist seit Anfang des 17. Jahrhunderts im Tal ansässig).  Die beiden waren damals die ersten Frauen in der Gegend, die sich als Winzerinnen versuchten – und sie hatten Erfolg. Wahrscheinlich trug die Sturheit und Demut, die die Bewohner im Tal auszeichnen, wenn sie “a testa bassa”, mit gesenktem Kopf wie die Ackertiere Tag für Tag unermüdlich arbeiten, dazu bei. „Das Tal“, erzählt Lidia, „war schon immer besonders und es dauerte länger, bis Neuerungen ankamen.“ Die Einwohner sind einfach und stolz auf ihre Herkunft. Allerdings war es auch der letzte Fleck – gibt sie zu – wo das ius primae noctis abgeschafft wurde.

Die Feriengäste dürfen sich aus dem Gemüsegarten bedienen

Die Schönheit des Tals hat sich mittlerweile allerdings herumgesprochen. Der französische Filmregisseur Olivier Assayas lebt hier, ein amerikanischer Drehbuchautor, ein italienischer Journalist; hier ein Holländer, dort ein Österreicher. Kein Wunder, dass immer mehr Leute begeistert über das Fleckchen sind: die Häuser aus unbehauenen Steinen besitzen schon die weichen, erdigen Farben Umbriens – das gleich hinter den Hügeln liegt. Im Vergleich dazu sind die Häuser im Chianti dunkler, abweisender als hier, sie passen zu Kastanien und Eichenwäldern. Noch eins bemerke ich: im Tal zirkuliert ständig ein angenehmer Wind, so dass man die Hitze kaum spürt.

Blick vom Pool Richtung Castiglion Fiorentino

Von einem Hügel sehe ich zum gegenüber liegenden Hang und meine fast, ich könnte jemand auf der anderen Seite etwas zurufen, so nah scheint alles, wie eine Landschaft in einer Nussschale. Man fühlt sich geborgen zwischen den mit Oliven bepflanzten Hängen. Es ist ein schönes Gefühl, aber ich überlege, ob man es nicht auf Dauer als einengend empfindet. Lidia erzählt, dass man auf einem Wanderweg den gesamten Grat entlanglaufen kann. Ende Januar findet immer die “Ronda Ghibellina Trail” statt, ein Geländelauf, der viel Anklang findet. Mehr als tausend Teilnehmer waren es dieses Jahr.

Die „Casali in Val di Chio“ sind Ferienhäuser in mehreren Ecken des Tals, die von Lidia und Roberta vermietet werden

Was mich die Enge vergessen lässt, ist der herrliche Ausblick auf Castiglion Fiorentino und das Chianatal, den man von jedem Punkt im winzigen Tal genießt – so als wäre man gar nicht abgeschieden. In zehn Minuten hat die Welt einen wieder, in einer halben Stunde wäre man in Arezzo. Schön zu wissen, dass dem so ist, aber ich ziehe es heute vor, mich in meinem Stuhl zurückzulehnen und die geschäftige Welt draußen zu lassen. Sich zu beschränken hat einiges für sich und es gibt auch in der Nussschalenwelt viel zu entdecken. Das Tal war immer sehr wasserreich, schon 1,5 Meter unter dem Boden stößt man auf Quellen. Eine besonders wohltuende wurde – so heißt es – bereits von den Etruskern verehrt. Die Devotion, was das Wasser anbetrifft ging dann im Mittelalter nahtlos über in die Marienanbetung. An der Stelle, wo die heilsame Quelle entsprang, steht seitdem ein Tabernakel mit einer “Madonna del latte”, einer stillenden Maria.

Ob die Liebe zum Val di Chio von Dauer ist, weiß nur die Zeit. Aber das Glück, das ich in diesem Augenblick empfinde, schaukelt in der Erinnerung noch lange hin und her.