VAL DI CHIO: Eine Liebe auf den ersten Blick

Es gibt sie doch, die Liebe auf den ersten Blick. Vor ein paar Tagen war ich in Castiglion Fiorentino zwischen Arezzo und Cortona. Da stand ich nun ganz oben auf dem Cassero, dem einst wehrhaften Aussichtstum, der mit seinen klapprigen hölzernen Treppen nur für Schwindelfreie gemacht ist, und blickte in die Landschaft des flachen Chianatals und Richtung Castello di Montecchio. Und dann sah ich in die entgegengesetzte Richtung und es traf mich wie ein Blitz aus kaum bewölktem Himmel.

Der Cassero von Castiglion Fiorentino

Hinter Stiftskirche und Fußballstadion tat sich ein Tal auf, wie eine Welt in Miniatur, eingefasst von gleichmäßigen niedrigen Bergen mit einer einzigen Öffnung nach Castiglion Fiorentino hin, so als hätte ein Meteorit eingeschlagen und einen ellipsenförmigen Krater zurückgelassen. Hinter den Kraterwänden nichts mehr. Wie eine Bucht, wo sich die Wogen des Meeres glätten, lag es verträumt und nach dem Chianatal durch Castiglion Fiorentino verdeckt da. Ein zufällig Vorbeifahrender würde es nur spät oder gar nicht bemerken. Das Tal strahlte auf mich sofort Geborgenheit aus.

Im Weingut Casali in Val di Chio werden auch Hochzeiten gefeiert und Kongresse gehalten (oder auch gefeiert 😉 )

Für einen Augenblick hielt ich die Luft an, fragte, wie es denn hieße und bekam zur Antwort:”Val di Chio”, was in meinen Ohren schon bezaubernd klang. Mit meinem Urteil bin ich nicht allein, denn auch Ferdinando II de‘ Medici rief, als er von der Loggia Vasariana (Vasari hat die Loggia nicht erbaut, sondern nur abgenickt, aber seinen Namen trägt sie trotzdem) auf der Piazza von Castiglion Fiorentino das Tal sah:”Valle di Chio – valle di Dio”. Das Tal Gottes, ein Paradies.

Dann musste ich weiter und bedauerte sehr, dass ich das Tal wahrscheinlich nie sehen würde. Aber manchmal spielt der Zufall Schicksal: mittlerweile hatte es sich in der Gegend herumgesprochen, dass eine nordische Wortgauklerin die touristischen Kleinode besuchen würde und als ich meine Emails durchsah, hatte ich Post von einer Winzerin: ob ich nicht vorbeikommen wolle, um ihr Weingut zu besichtigen? – Wo wohne sie denn? – Im Val di Chio. – Ja, ich will!

Als ich morgens aufbreche, kündigt sich ein heißer Tag an. Die Schablonen der Berge kleben blauschimmernd und tiefenlos am Horizont. Fiebrig und aufgeregt nähere ich mich Castiglion Fiorentino, Geburtsstadt des Schauspielers und Regisseurs Roberto Benigni (“Das Leben ist schön”) und bin schon auf eine Enttäuschung gefasst, denn meine Erwartungen sind – ja was? Wenn man nicht weiß, was einen erwartet, kann man auch keine falschen Erwartungen haben. Ich beschließe trotzdem, alle Gedanken fallenzulassen und biege ab ins Val di Chio.

Roberta (li) und Lidia (re), zwei taffe Winzerinnen mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie produzieren biologische Weiß- und Roséweine und mehrere Rotweine, sowie Olivenöl und Honig

Sofort fällt mir auf, wie gepflegt Straßen und Gärten sind. Und es gibt keine Fabriken oder hässlichen Lagerhallen. Alles sieht so aus, wie vielleicht anderswo vor 50 Jahren. Die Leute schauen mir nach, als ich vorbeifahre – als ob sie es nicht gewohnt wären, Fremde zu sehen.

Lidia Castellucci erwartet mich schon. Die energische wie freundliche Winzerin hat das Gut ihres Großvaters  zusammen mit ihrer Schwägerin Roberta Mitte der 90er Jahre übernommen (die Familie ist seit Anfang des 17. Jahrhunderts im Tal ansässig).  Die beiden waren damals die ersten Frauen in der Gegend, die sich als Winzerinnen versuchten – und sie hatten Erfolg. Wahrscheinlich trug die Sturheit und Demut, die die Bewohner im Tal auszeichnen, wenn sie “a testa bassa”, mit gesenktem Kopf wie die Ackertiere Tag für Tag unermüdlich arbeiten, dazu bei. „Das Tal“, erzählt Lidia, „war schon immer besonders und es dauerte länger, bis Neuerungen ankamen.“ Die Einwohner sind einfach und stolz auf ihre Herkunft. Allerdings war es auch der letzte Fleck – gibt sie zu – wo das ius primae noctis abgeschafft wurde.

Die Feriengäste dürfen sich aus dem Gemüsegarten bedienen

Die Schönheit des Tals hat sich mittlerweile allerdings herumgesprochen. Der französische Filmregisseur Olivier Assayas lebt hier, ein amerikanischer Drehbuchautor, ein italienischer Journalist; hier ein Holländer, dort ein Österreicher. Kein Wunder, dass immer mehr Leute begeistert über das Fleckchen sind: die Häuser aus unbehauenen Steinen besitzen schon die weichen, erdigen Farben Umbriens – das gleich hinter den Hügeln liegt. Im Vergleich dazu sind die Häuser im Chianti dunkler, abweisender als hier, sie passen zu Kastanien und Eichenwäldern. Noch eins bemerke ich: im Tal zirkuliert ständig ein angenehmer Wind, so dass man die Hitze kaum spürt.

Blick vom Pool Richtung Castiglion Fiorentino

Von einem Hügel sehe ich zum gegenüber liegenden Hang und meine fast, ich könnte jemand auf der anderen Seite etwas zurufen, so nah scheint alles, wie eine Landschaft in einer Nussschale. Man fühlt sich geborgen zwischen den mit Oliven bepflanzten Hängen. Es ist ein schönes Gefühl, aber ich überlege, ob man es nicht auf Dauer als einengend empfindet. Lidia erzählt, dass man auf einem Wanderweg den gesamten Grat entlanglaufen kann. Ende Januar findet immer die “Ronda Ghibellina Trail” statt, ein Geländelauf, der viel Anklang findet. Mehr als tausend Teilnehmer waren es dieses Jahr.

Die „Casali in Val di Chio“ sind Ferienhäuser in mehreren Ecken des Tals, die von Lidia und Roberta vermietet werden

Was mich die Enge vergessen lässt, ist der herrliche Ausblick auf Castiglion Fiorentino und das Chianatal, den man von jedem Punkt im winzigen Tal genießt – so als wäre man gar nicht abgeschieden. In zehn Minuten hat die Welt einen wieder, in einer halben Stunde wäre man in Arezzo. Schön zu wissen, dass dem so ist, aber ich ziehe es heute vor, mich in meinem Stuhl zurückzulehnen und die geschäftige Welt draußen zu lassen. Sich zu beschränken hat einiges für sich und es gibt auch in der Nussschalenwelt viel zu entdecken. Das Tal war immer sehr wasserreich, schon 1,5 Meter unter dem Boden stößt man auf Quellen. Eine besonders wohltuende wurde – so heißt es – bereits von den Etruskern verehrt. Die Devotion, was das Wasser anbetrifft ging dann im Mittelalter nahtlos über in die Marienanbetung. An der Stelle, wo die heilsame Quelle entsprang, steht seitdem ein Tabernakel mit einer “Madonna del latte”, einer stillenden Maria.

Ob die Liebe zum Val di Chio von Dauer ist, weiß nur die Zeit. Aber das Glück, das ich in diesem Augenblick empfinde, schaukelt in der Erinnerung noch lange hin und her.

 


PULICCIANO: Ein Sonntagsspaziergang

Was tun, wenn man nur 2 oder 3 Stunden Zeit hat? Im Juni simmert das Tal bereits in der Hitze, so dass ein Spaziergang auf den bewaldeten Berg ratsamer ist. Parken kann man bequem vor der romanischen Pfarrkirche von Pian di Scò, deren Ursprünge sicher weiter als die 1000 Jahre zurückliegen, die man ihr zugestehen will.

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Die romanische Kirche von Pian di Scò

An der antiken Römerstraße Cassia Vetus empfing sie Pilger und Reisende, die von Fiesole nach Arezzo unterwegs waren. Außen sieht man bereits an den Steinen, dass die Kirche in zwei verschiedenen Epochen erbaut wurde, ein Teil grobe Quader, der andere samt Kirchturm aus kleinen zusammengewürfelten Steinen und Ziegeln. Kurios das Innere, das zum Altar hin ansteigt, als wäre die Kirche ein Schiff im Seegang – vielleicht liegt eine Krypta unter dem Fußboden des Altars?

Die Verzierungen der Säulen sind entwaffnend naiv und gerade deshalb ausdrucksstark, die Tier- und Handwerksmotive halten langobardische Traditionen wach. Gerade als ich die Kirche verlasse, treten zwei Mountainbiker in Radlerkluft ein, um die Pieve zu besichtigen – oder ein bisschen Kühle zu genießen.

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Kunst fuβt auf Handwerk – das Instrument an der Säule erinnert daran.

Nach nur 200 Metern auf der heutigen Via Setteponti Richtung Reggello zweigt nach rechts die Straße ab, die ins 3 km entfernte Dörfchen Pulicciano führt. Diese Ecke hier nennt sich „Ghiacciaia“ (ghiaccio = Eis). Wo heute das Wasser des Dorfes gespeichert und aufbereitet wird, befand sich früher, als es noch keine Kühlschränke gab, ein kühler Ort, an dem Lebensmittel gelagert wurden.

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An der Ghiacciaia geht’s rechts nach Pulicciano.

Wer es bequem möchte, kann nun den ganzen Weg auf der geteerten schattigen Straße hochlaufen. An der ersten Kurvenschlaufe schlage ich mich jedoch ins Gebüsch, wo ein schmaler Trampelpfad ebenso ans Ziel führt. Entlang einer von Pflanzen überwucherten Trockensteinmauer –  das Land hier wurde vor 100 oder 200 Jahren in mühsam angelegten Terrassen bewirtschaftet, die heute vom Wald verschluckt sind – führt der Weg durch Farne und Mischwald in die Höhe. Nach einigen Minuten kommen mir wieder die beiden Mountainbiker entgegen und erzählen, dass sie die unbekannten kleinen Kirchen und Kapellen der Gegend abfahren, um deren Gemälde und Fresken anzuschauen (Kultur und Sport ist auch eine Kombination).

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Pian di Scò von oben.

Dann mündet der Weg in die geteerte Straße und schraubt sich die letzten Windungen hoch, bis er schließlich horizontal den Berg begleitet und herrliche Ausblicke ins Tal, auf die gegenüber liegenden Chiantiberge, Richtung Florenz und auf der anderen Seite Richtung Amiata freigibt. Zuerst höre ich hier oben noch den Verkehr und das leise Rauschen der Autobahn im Tal, aber je näher ich Pulicciano komme, desto mehr verschwindet das Zivilisationsgemurmel in den Falten des Berges, bis nur noch das Zwitschern und Trillern der Amseln und das heisere Krächzen des Eichelhähers die Stille animieren.

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Das Kirchlein von Pulicciano

Vorbei an großenteils verwildernden Olivenhainen zieht sich die Straße bis nach Pulicciano. Der Ortsname rührt wahrscheinlich von dem römischen Begriff des “Fundus Publicianus” her. Auf 573 Höhenmetern lugt der malerische Ort am Rand des Bergausläufers wie von einem Balkon ins Tal. Schade nur, dass hinter den Häusern wie ein Bajonett eine riesige Antenne aufgepflanzt wurde.

 

chiesa pulicciano

In der Sakristei

Heute ist Pulicciano ein beschauliches kleines Dorf, in dem viele Leute ein Wochenendhaus haben, das sie sonntags oder sommers aufsuchen. Ich kenne nur eine Person, die das ganze Jahr über in Pulicciano wohnt – und weiß noch nicht einmal wo dort genau. Als ich den Ort betrete, wird im Haus vor mir ein Fensterladen aufgerissen und Marco – von dem ich eben sprach – sieht unrasiert und verschlafen im geblümten Schlafanzug aus dem Fenster auf mich hinab. Wir müssen beide lachen.

Gleich hinter seinem Haus liegt die Kirche, deren sonore Glocken jetzt um kurz vor elf die Leute zur Messe läuten. Die Alten des Dorfes humpeln auf Krücken herbei, während ich einige bekannte Gesichter aus Pian di Scò erkenne: sie ziehen die ruhige Messe in der winzigen Dorfkirche dem sonntäglichen Getümmel im Ort vor.

An der Kirche erinnert eine Gedenktafel an den Tod des 29 Jahre jungen Priesters Bianco Cotoneschi und eines weiteren Mannes, die am 1. August 1944 gleich außerhalb des Ortes von deutschen Truppen auf dem Rückzug erschossen wurden. Ein dritter Mann überlebte, weil er sich tot stellte.

Gegenüber der Kirche darf die Dorfbar – der Circolo – nicht fehlen, die allerdings erst nachmittags um 16 Uhr aufmacht. Daneben verströmen erwachsene Mittelmeerpinien einen würzigen Duft und erinnern ans Meer.

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Die Lokalität Fratino (Mönchlein) kurz vor Pulicciano wartet auch mit philosophischen Weisheiten auf. An einer Tafel am Wegrand steht:“Such im Anderen das Gute, bewahr dir den Sinn für Humor, bedanke dich für eine gute Arbeit.“ Amen.

Zurück gehe ich ein Stück des gleichen Wegs, kürze dann aber vor dem “Agriturismo L’Oasi” durch die Felder – direttissima – talwärts ab und bin in 45 Minuten in Pian di Scò.