WEINWELT VALDARNO

Wenn der Sommer ausklingt und die Luft reif und voll ist, beginnt die Erntezeit und damit einer der schönsten Momente des Jahres. Der Valdarno war einst die “Kornkammer von Florenz” und ist auch heute noch landwirtschaftlich geprägt. Besonders bekannt sind das frische Olivenöl, das auf der Zunge bitzelt (pizzica), was ein Zeichen von Qualität ist. Aber auch die Weine der Region werden immer besser.

Schon vor über dreihundert Jahren schrieb Großherzog Cosimo III de‘ Medici, dass die Gebiete Chianti, Pomino, Carmignano und Valdarno besonders geeignetes Terroir für Chianti-Wein seien. Doch im Valdarno beschränkt man sich nicht ausschließlich auf die bekannte Marke Chianti. Immer mehr Weingüter machen sich einen Namen, zum Beispiel “Il Borro” der Modedynastie Ferragamo, mit herausragenden Etiketten wie “Polissena” oder “Pian di Nova”. Auf 45 Hektar werden die Trauben biologisch angebaut und schonend verarbeitet. Wer sich ganz der Ernteerfahrung hingeben mag, ist dazu am 19. September willkommen und darf selbst im Weinberg mit Hand anlegen und in demselben mittags speisen. Zur Erfahrung gehören auch eine Führung durch den historischen Weinkeller und eine Degustation. (www.ilborrowines.it)
Bei Sting im Il Palagio über Figline darf man zwar nicht die Trauben von den Reben schneiden, aber seine ebenfalls biologischen und nach Liedern benannten Weine kann man im Farm Shop um die Ecke probieren und erwerben. Da ist Musik drin! (www.il-palagio.com)

Entlang der “Strada del Vino”, Winzervereinigung der Provinz Arezzo, kann man über viele Kurven die verschiedenen familiengeführten oder auch renommierte Weingüter zu speziellen Verkostungen aufsuchen, zum Beispiel am 2. September das Gut “Paterna” bei Terranuova Bracciolini, am 12. September die Güter “Petrolo” in Bucine und “Mannucci Droandi” bei Montevarchi, am 19. September “Podere Luisa” bei Montevarchi, am 23. September “Baldi Gianluca” bei Terranuova, am 26. September “I Tribbi” bei Bucine, am 30. September “I Poggi del Chianti” bei Cavriglia. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich und für € 5 pro Person kann man die Weine verkosten und sich durch die Weinberge führen lassen. Noch schicker wird es bei einem “Aperitif im Weinkeller” am 8. September (19-21 Uhr) in der Villa Le Vigne in Caposelvi, bei Livemusik und Fingerfood, am 8. September gibt’s zwei Rotweine und “Stuzzichini”-Häppchen in “Pancole” bei San Giovanni, am 14. September langt man beim Buffet der “Fattoria Terranuova” zu und darf überdies noch 3 Weine und Vinsanto probieren, alles immer für € 10 pro Person. (www.stradadelvino.arezzo.it)

Und falls nach so viel Probieren der Alkoholpegel im Blut zu hoch ist, übernachtet man am besten gleich vor Ort in einem der vielen herrlichen Agriturismi und genießt zu den rauschhaften Sinnesfreuden auch noch die Natur und die vielen Kunstschätze der Gegend. Um es mit dem lateinischen Schriftsteller Horaz zu sagen:”Nunc est bibendum!” – Jetzt muss getrunken werden!


DAS IST DOCH DER GIPFEL!

Mehrfach war ich schon am Gipfel des Pratomagno und auch beim Schwert im Stein. Aber immer spielte das Wetter nicht so ganz mit. Heute dagegen ist es perfekt. Wenn im Tal unten an die 40 Grad herrschen, duftet die frische Luft auf 1000 Metern Höhe nach Tannenzapfen, dann nach Buchen. Die erste Strecke führt durch den Wald. Aber irgendwann erreicht man die Baumgrenze und hier wirds überirdisch schön: Schwärme von Weißlingen und anderer Schmetterlinge flattern durch die Luft wie Fische im Meer.

Unter dem Tritt ist das Gras des “Pratomagno” – der großen Wiese – unendlich weich und gar nicht stoppelig wie man meinen könnte. Als ob man auf Moos geht. Auf der Wanderung habe ich ganz wenige Menschen getroffen, die ich mühelos an den Fingern einer Hand abzählen konnte (am Berg gehts viel bergauf und das ist anstrengend, vielleicht ist das ein Grund?), aber einer lief barfuß und das fand ich interessant.

Nachdem das Schwert im Stein erreicht war, fiel das Gipfelkreuz ins Auge. Wieso nicht dahin? Ziele braucht der Mensch. Also weiter, sehr steile Wellen hoch, über Wiesen, deren Farben sich ins Ocker stülpten. Ein Frieden, da oben, dass man die Welt vergisst. Nur die Wolken rücken nahe, werfen riesige Schatten, die die Temperatur sofort herunterkühlen. Nahe dem Gipfel bei fast 1600 Metern nimmt der Wind zu.

Drei Stunden bin ich mittlerweile unterwegs. Nur mit einer Halbliterflasche Wasser, denn Essen hatte ich vorsorglich nicht mitgenommen – ich wollte ja “nur kurz hoch auf den Berg schauen”. Doch der Berg hat wie immer andere Pläne als man selbst. Was tun? Eine halbe Stunde vom Gipfelkreuz entfernt liegt das Restaurant “Chalet da Giocondo” einsam an der einzigen Schotterstraße im Wald, die den Bergrücken durchzieht. Ob es überhaupt offen hat? So unter der Woche?

Es hat und die Wirtsleute sind immens freundlich und die Polenta mit Pilzen ein Gedicht. Auch die Tagliata (gebratenes, in Streifen geschnittenes Rindfleisch mit Öl und Rosmarin). Da die Kniee maulen und müde in den Gelenken schlenkern, will ich mir für den Rückweg das Auf und Ab des Kamms sparen und über die Straße zurück. Außenrum dauert länger als obendrüber und nach zwei Stunden war ich immer noch etliche Kilometer vom Auto entfernt. Hätte sich nicht ein altes Pärchen in einem winzigen Panda erbarmt, das auf der staubigen Straße anhielt und mich fragte, ob sie mich mitnehmen könnten, wäre ich wahrscheinlich immer noch unterwegs.