NEAPEL – Paradies oder Vorhölle?

Castel dell’Ovo. Die Legende will, dass Virgil ein Ei in den Fundamenten versteckt haben soll und solange das Ei intakt sei, würde das Kastell bestehen. Als im 14. Jahrhundert ein Teil einstürzte, musste die Königin eiligst erklären, sie habe das Ei ersetzt, um eine Panik beim Volk zu verhindern.

“’Vedi Napoli e poi muori!‘- sagen sie hier. ‚Sieh Neapel und stirb!‘ Daß kein Neapolitaner von seiner Stadt weichen will, daß ihre Dichter von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht zu verdenken…,” so Goethe über die Stadt zu Füßen des Vesuvs. Auf der Durchreise zitiert Goethe die Sprüche der Einheimischen. Er selbst wagt sich allerdings nicht allzuweit ab von den damals bekannten Sehenswürdigkeiten, wohnt nahe der Piazza Plebiscito und dem Königspalast, verkehrt mit deutschen Künstlern oder Aristokraten und Diplomaten, wie dem englischen Botschafter Lord Hamilton – und natürlich dessen bekannter Frau Emma. Oft fährt er zum Vesuv oder anderen Highlights der Grand Tour. Abgesehen von allgemeinen Bemerkungen klammert er die Stadt beinahe vielsagend aus:“Gestern dacht’ ich: entweder du warst sonst toll, oder du bist es jetzt.“ Einigermaßen verwirrt meint er auch:“Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch.“ Was ist dran an diesem Eindruck von Neapel und der trunkenen Selbstvergessenheit?

Piazza Plebiscito mit Fußball spielenden Kindern, im Rücken der Königspalast.

Freud hält sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts seltsamerweise in sicherer Distanz zu Neapel und gibt zu “…das Hundenest und der Affenkäfig Neapel, in dem es nicht zu leben war” seien besser aus der Ferne zu betrachten. Und das vom Meister der Psychoanalyse?

Gleich an der Strandpromenade schlafen die Obdachlosen. Die Toleranz ist groß. Elend und Glanz leben in Neapel seit jeher zusammen.

Der große italienische Philosoph und Antifaschist Benedetto Croce betitelte ein Buch über die Stadt “Un Paradiso abitato da diavoli” – “Ein von Teufeln bewohntes Paradies”, nach dem Sprichwort eines Geistlichen aus dem Mittelalter – der bezeichnenderweise aus Florenz stammte. Auch dies Sprichwort hielt sich jahrhundertelang hartnäckig.

Oben Kirche, unten Geschäft mit Souvenirs.

Als der Zug in die Stadt einfährt, sehe ich zuerst den Vesuv, “a muntagna”, den Berg, wie die Neapolitaner ihn nennen. Und er scheint gar nicht bedrohlich, wie er so schweigsam zur Linken liegt. Das denken sich auch die Leute, die ihre Häuser an seine Flanken gebaut haben. Neapel sieht aus, als sei ein Ascheregen bereits über die Stadt niedergegangen. Die Farben der Häuser und auch der Wolkenkratzer reichen von verwaschenem Beige bis Grau. Keine zitronenfarbene Ausgelassenheit.

Vor dem Pio Monte della Misericordia

Vorher hatte ich mich bereits informiert, dass ich den Bus R2 zu meinem Hotel nehmen muss. Vor dem Bahnhof ist die Haltestelle kaum angezeigt. Ich warte etliche Busse ab, dann kommt der R2. Sicherheitshalber frage ich den Busfahrer, ob er in die Nähe der Via Chiaia fährt. Als Antwort kommt trocken: “Nein. Sie müssen den 159er nehmen”. Ich weiß nicht, ob ich ihm glauben soll. Da meldet sich eine ältere, einfach gekleidete, Frau neben mir:”Natürlich hält der Bus in der Nähe der Via Chiaia”. Das Lächeln der kleinen Frau ist warmherzig, und freundlich sagt sie:”Wenn ich aussteige, müssen Sie noch vier Haltestellen weiterfahren.” Danach entspinnt sich zwischen dem Busfahrer und der Frau eine heftige Diskussion im neapolitanischen Dialekt, von der ich kein einziges Wort verstehe. Nachdem die Frau ausgestiegen ist, zähle ich die (kaum erkennbaren) Haltestellen und nach der dritten merke ich, dass der Bus wieder zurückfährt. “Sie hätten an der vorigen aussteigen müssen”, grinst die wächserne Larve des Busfahrers mir ins Gesicht. Genau das ist Neapel – allen Facetten der menschlichen Natur begegnet man hier in einem Wimpernschlag.

Eingang in die einst berüchtigten Quartieri Spagnoli

Ich hab es Goethe gleich getan und mir ein Hotel in der Via Chiaia gleich um die Ecke des Königspalasts genommen – Goethe war ja nicht dumm. Die Via Chiaia ist eine belebte Einkaufsstraße, die Shoppingmeile Via Toledo ist um die Ecke, genauso aber auch das Meer, die eleganteren Viertel um die Via Filangieri und Piazza dei Martiri. Zum Palazzo Reale und der riesigen Piazza Plebiscito davor sind es keine 5 Gehminuten. Das säulenüberdachte Halbrund gegenüber dem Palast wurde in napoleonischer Zeit entworfen und erinnert an die Umarmung des Petersplatzes, obwohl es aufgeklärtes Gedankengut demonstrieren wollte. Die architektonische Sprache bedient sich oft desselben Vokabulars, auch wenn die Gedanken vermeintlich wechseln.

Spuren aus der Zeit als das Hotel ein edles Bordell, genannt „la Suprema“ war.

Das Hotel Chiaja selbst liegt ruhig im Hinterhof und ist mit Möbeln aus Familienbesitz der Inhaber bestückt. Ein Flügel des Hotels war früher ein bekanntes Etablissement, bis das Gesetz Merlin 1958 dem lustigen Treiben ein Ende setzte, die Freudenhäuser in ganz Italien geschlossen und die Mädchen fortan auf die Straßen getrieben wurden. (In Neapel trat das Gesetz einen Tag später in Kraft, die Schlangen der Kunden waren zu lang).

Blick vom Hotel Excelsior an der Promenade auf Castel dell’Ovo und den Jachthafen.

Zehn Gehminuten entfernt liegen Promenade und Meer. Und hier erklärt sich auch ein Aspekt des Buchtitels “Il mare non bagna Napoli”- “Das Meer umspült Neapel nicht” der Schriftstellerin Anna Maria Ortese . Denn einer der charakteristischsten Stadtteile Neapels, S. Lucia (der des berühmten Volkslieds “Santa Lucia”), dort wo im kollektiven Gedächtnis das folkloristisch bunte Treiben des einfachen Volks am Hafen, die Fisch- und Obststände waren, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine mondäne Strandpromenade mit Nobelhotels dem Arbeiterviertel einfach vor die Nase gesetzt und das Meer erreichte den Borgo S. Lucia nicht mehr und glitzerte folglich auch nicht mehr.

Immer noch erste Adresse: das Caffè Gambrinus an der Piazza Trieste e Trento

Ins Auge fällt hier, wie auch um den Palazzo Reale und Via Toledo die massive Präsenz alle 200 Meter von Polizei und Heer, Maschinengewehre im Anschlag. Die Polizei, so sagt man mir, soll vor allem die Touristen beruhigen. Ich muss sagen, dass ich mich in keinem Moment, auch in den traditionell berüchtigten Quartieri Spagnoli oder in der Altstadt, unsicher fühlte. Was nicht heißen soll, dass Kriminalität nicht exisitiert – natürlich sollte man aufpassen.

Das Handwerk besteht weiter. Sandalen für € 65,- werden in 15 Minuten handgefertigt.

Es heißt, Neapel sei das “Versuchslabor Italiens”, was in Neapel funktioniere, werde im Jahr darauf in ganz Italien ein Hit. Wenn dem so ist, wird man im nächsten Jahr ganz viele Elektrofahrräder mit superdicken Reifen (Fatbikes) sehen.

Mehr Nepp als interessant: die Via San Gregorio Armeno mit Krippen und Souvenirs. Das geschwungene rote Horn, der „curniciello“, der Glück bringen soll, funktioniert sowieso nur, wenn es geschenkt wird.

Was man anschauen sollte? Naja, die gesamte Altstadt Neapels ist Weltkulturerbe, das wird schon etwas heißen. Mir hat der verhüllte Christus sehr gefallen (keine Fotos erlaubt), aber auch das labyrinthische Fußbodenmosaik in der Kirche Sansevero. Und der Caravaggio mit den sieben Werken der Barmherzigkeit im Pio Monte della Misericordia – hier sieht man den Charakter des neapolitanischen Volks vielleicht am Besten.

Merkwürdig die Atmosphäre der Orte, der Kirchen wie der Luxushotels. Keine Erhabenheit, keine Kūhle, keine Distanz. Man fühlt sich wie im Wohnzimmer, heimelig, aufgehoben. Die Klassenunterschiede zerfließen.

Elegante Butiken mit Jugendstilelementen gibt’s in der Via Filangieri.

Walter Benjamin hat von Neapel als “poröse Stadt” gesprochen. Unter ihrer Oberfläche durchzieht ein unglaubliches Netz von Galerien, Hallen und begehbaren Kanälen die Stadt. Der sichtbare Teil Neapels ist bei Weitem nicht alles. Aber es ist ein Zugang. Die Hinterhöfe ziehen einen förmlich in die Eingeweide der Stadt. Und da die Menschen in den Gassen Türen und Fenster offen lassen, kann man überall hineinsehen. Man muss sich nur trauen. Nach Neapel sollte man deshalb in erster Linie, wenn man sich für die Natur des Menschen interessiert.

Den besten caffè überhaupt gibt’s in Neapel, aromatisch und dickflüssig. Die rumgetränkten Baba sind auch ein Muss. Anders als in Wien, wo man ein kleines Stamperl Wasser zum Kaffee bekommt, bringt der Kellner hier ein riesiges Glas Wasser zu jeder Bestellung. Das Wasser ist immer vor dem caffè zu trinken.

Noch ein paar Worte zum Essen. Ja, es ist göttlich, angefangen beim Frühstück mit caffè (oder auch mit nocciola) und den sfogliatelle, dann zu den pizze und der caprese mit echtem (Büffel-)mozzarella, den frittierten Fischen und allem anderen. Die Küche ist ein schlagendes Argument.

Zu guter Letzt zum Verkehr. In den Quartieri Spagnoli sah ich lustige Verkehrsschilder wie „Einbahnstraße“ und darunter „außer für Anwohner“. So viel zu den Regeln, die immer durch Ausnahmen außer Kraft gesetzt werden. Wobei man fairerweise sagen muss, dass die Motorradfahrer alle mit Helm fuhren. Und ein Stereotyp stimmt, zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Hemmungen, eine Straße zu überqueren (es gibt kaum Fußgängerampeln oder Zebrastreifen). Es fand sich einfach keine Lücke zwischen den vierspurig hin- und herflitzenden Autos. Wo ich in anderen Städten mit einem energischen Schritt meinen Weg erzwang, hatte ich hier Bedenken. Bis ich ein kleines Männchen entdeckte und beobachtete, wie er es machte. Ganz ruhig und ohne Hektik, wie ein Schlafwandler, trat er auf die Straße und wundersamerweise bremsten die Autos sanft ab. Kein ungehaltenes Hupen, kein Schimpfen, kein Bremsenquietschen. So machte ich es dann auch – mit Vertrauen auf die Rücksicht der Fahrer. Und es klappte tadellos.

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PRATOMAGNO – schrecklich schön

Wie ein Hund vor dem Kamin oder der Eingangstür, liegt der Berg Pratomagno in der Landschaft zwischen Valdarno und Casentinotal, zwischen Florenz und Arezzo. Ich stelle mir vor, dass die Schnauze des Hundes nach Arezzo zeigt – für Dante Alighieri waren die Aretiner “botoli ringhiosi”, kleine kläffende Köter. Für mich gleicht der Pratomagno eher einem Drahthaar, ruhig, zäh, eigensinnig, liebevoll, aber schrecklich, wenn man ihn ärgert. Zu Dantes Zeiten gab es die Rasse Drahthaar noch nicht.

Croce al Cardeto, die schmalste Stelle des Pratomagno

Den Bergrücken entlang, auf Seiten des Casentino, führt eine ungeteerte “strada bianca”, die Panoramastraße. Nur an einer einzigen Stelle, beim “Croce al Cardeto” ist der Berg so schmal, dass die Straße sowohl in den Valdarno den Blick freigibt als auch ins Casentinotal. Hier kann man von derselben Stelle den Sonnenuntergang Richtung Florenz und den Sonnenaufgang über La Verna betrachten. Das will ich tun.

Vorbei an der hoch ummauerten Abtei Vallombrosa, die von San Giovanni Gualberto in 1000 Metern Höhe an einem Ort errichtet wurde, der seinerzeit Acquabella genannt wurde, fahre ich auf die Bergkuppe Secchieta (1449 m). Bei den Mönchen in Vallombrosa hatte der junge Galileo als Jugendlicher einige Jahre studiert, bevor er sich entschloss, seinen Sinnen und Berechnungen zu trauen und Kopernikus‘ Theorie vertrat, nämlich dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Blick Richtung Croce al Cardeto (in der Senke) und die Windräder

Beim „Croce al Cardeto“ fließen die Panoramastraße und einige Wanderwege in ein weites, mit borstigen Grasbüscheln bewachsenes Plateau zusammen. Seit Neuem prangt auf einem Wegweiser auch das Tau-Kreuz, die Markierung als Franziskusweg, darüber eine Taube, was “geradeaus” bedeutet und dann das gleiche Bild mit einer nach rechts fliegenden Taube, was nach rechts weist. Spirituelle Angaben sind ja meist mit Vorsicht zu genießen. Geradeaus geht’s nämlich nur ins Gebüsch und obwohl die Himmelsrichtung rechts nach Assisi stimmt, ist es noch ein Stück weit hin – um die 160 Kilometer. Es ist auch fraglich, ob der Hl. Franziskus je hier vorbei gekommen ist.

Während ich die knöchelhohen Wanderschuhe anziehe überlege ich, dass man in der Menschheitsgeschichte sehr viel Aufmerksamkeit dem Kopf und den Gedanken widmet, aber sehr wenig den Füßen und damit den Schuhen, was eigentlich ungerecht ist, denn nur wer bequem voran kommt, kann entsprechend neue Erkenntnisse gewinnen. Wenn die Bauern in Italien – aber auch anderswo – bis nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich in “zoccoli”, Holzschuhen, unterwegs waren, versteht man, dass sie damit keine großartigen Explorationen anstellen konnten. Schuhe stellten über Jahrhunderte ein diskriminierendes Element dar und als Goethe seine Italienische Reise tat, verursachten seine Stiefel in Verona Menschenaufläufe, “da man sich derselben als einer teuren Tracht nicht einmal im Winter bedient”.

Richtung Gipfel

Da die Nachmittagssonne noch hoch steht, wandere ich eine Stunde auf dem Weg “00” Richtung Gipfelkreuz. Der Berg wellt sich steil auf und ab. Auf der geschützteren Seite Richtung Valdarno klettern Buchen- und Mischwälder bis an den Kamm. Die dem Wetter stärker ausgesetzte Flanke des Casentino weist ausgedehnte Flächen mit Ginsterbüschen auf, in denen es prasselt und knackt, wenn die schwarzen Schoten aufspringen und ihre Samen herausschleudern. Immer wieder drehe ich mich danach um, denn es hört sich an, als sei ein Feuer ausgebrochen.

Silberdistel

Im Tal unten ist es um die dreißig Grad heiß und windstill. Hier oben sticht die Sonne, aber es weht ein unvermutet scharfer, böiger Wind, so dass man die Hitze nicht spürt. Die Wälder lässt er rauschen wie das Meer und die robusten Pflanzen und Blumen erinnern ebenfalls an Dünenlandschaften und deren Farben. Silberdisteln säumen den Weg. Ein Engel soll Kaiser Karl dem Groβen im Traum geflüstert haben, sie sei ein Heilmittel gegen die Pest, deshalb der Name „Karlsblume“ und Paracelsus berichtet, wer sie bei der Arbeit bei sich trage, entziehe den anderen Arbeitern ihre Kraft, die dann auf einen selbst übergehe. Jeder legt sich so seine Antworten zurecht.

Ob Windenergie in Italien die richtige Lösung ist?

Rechtzeitig bin ich zurück am Ausgangspunkt, während die Sonne langsam hinter den Berg mit den drei Windrädern gleitet. Zum Gespräch des Windes gesellt sich das gleichmäßige Flap-Flap der Rotorblätter, die sich im Uhrzeigersinn drehen, eines mit größerer Mühe als die anderen. Die Schatten werden schnell länger, eine Falte des Berges greift nach der gegenüberliegenden Seite. Das Prasseln des Ginsters verebbt, die Grillen klingen müder, Vögelchen spielen Fangen, ein Falke rüttelt am Himmel, Ameisen krabbeln über die erhitzten grauen Steine.

Bevor es dunkel wird möchte ich das Zelt aufschlagen, was sich durch den starken Wind jedoch als unmöglich erweist, denn heftige Luftstöße reißen die Heringe, mit denen ich das Zelt verankern will, immer wieder aus dem Boden. Schließlich sehe ich ein, dass ich kein Thoreau bin und so bleibt mir nur das Auto als Herberge.

Rinder weiden frei auf dem Pratomagno.

Der Enttäuschung über den Fehlschlag ist auch Erleichterung beigemischt, denn das Auto bietet doch einen größeren Schutz gegen alles mögliche, denke ich mir. Angst vor dem, was sein könnte, ist immer da. Als ich den kleinen Spaziergang unternahm, hörte ich in einem undurchdringlichen dunklen Zauberwald neben mir Schritte, die ich keinem Tier zuordnen konnte. Reh, Wildschwein oder Wolf, alles kam in Frage und ich bückte mich nach einem spitzen Stein und die Versuchung auf der Stelle umzudrehen war groß. Dann aber sagte ich mir:”Es ist nichts” und ging weiter.

Mit den langen Schatten kommen die Tiere. Schon höre ich ein wie mit Schalldämpfer reduziertes “Muh”. Auf dem Pratomagno weiden Kühe frei und gerade noch sehe ich in geringer Entfernung eine große Braune mit kurzen Hörnern im Ginster verschwinden. Nach wenigen Minuten taucht sie wieder auf, an der Seite ein hungriges Kälbchen. Geduldig steht sie da und behält mich im Auge, während das Kleine es sich schmecken lässt. Eine Bache überquert mit ihren Frischlingen die Straße. Im silbrig blauen Licht der Dämmerung wirken die Szenen idyllisch. Aber die Natur kann auch anders und ich mache mich darauf gefasst.

Mama vorneweg, die Kinderchen hinterher.

Die Nacht senkt sich herab, ein schmaler Sichelmond erscheint und der Abendstern. Der Wind macht keine Anstalten abzuflauen. Ich bin allein, und noch ist es mir angenehm. Zweimal hatten vorher kurz Autos angehalten, einmal stieg ein junges verliebtes Pärchen aus, das andere Mal zwei Männer und eine Frau, machten Selfies vor dem Panorama, wobei ich mich frage, welchen Sinn solche Schnappschuss-Erinnerungen wohl machen, ob da wirklich Emotionen geweckt werden? Aber es muss ja nur Sinn für sie machen und nicht für mich.

Richtung Valdarno und Florenz

Dann fährt ein Van mit drei Männern vor und ich hoffe, sie bleiben nur kurz, aber sie beginnen Geräte auszupacken. So gehe ich auf sie zu und bin überrascht und beruhigt, als ich unter ihnen einen Freund erkenne. Es sind Hobbyfotografen, die die Milchstraße aufnehmen wollen. Bereitwillig zeigen sie mir ihre Kameras und das Programm Stellarium, mit dem man vom eigenen Standpunkt die genaue Position der Sternbilder hervorragend sehen kann. Dann wird gegessen und selbstverständlich bieten sie mir davon an.

Mit der Nacht ist der Wind eisig geworden und die Temperaturen sinken weiter bis gefūhlte unter 10 Grad. Mich erstaunt die Leidenschaft, mit der die Drei stundenlang im tönenden Brausen mit ihren Kameras und Stativen hantieren, die Finger steif vor Kälte und die Ohren gefühllos. Um Mitternacht fahren sie nach Hause.

Auf der Suche nach der Milchstraße

 

Jetzt bin ich allein. Sehr und wirklich. Ich versuche es mir so bequem wie möglich im Auto zu machen und schaue in den Himmel. Hell leuchten die Sterne, gut sieht man die Sternbilder, die ja nur Versuche sind, unsere Welt nach da oben zu projizieren. Langsam und ungerührt vom individuellen Schicksal bewegt sich das Bild. Ein immenses Schauspiel, dem der Zuschauer egal ist. Vor dieser Kulisse braucht es Chuzpe oder Naivität zu sagen, man wolle den Sinn darin finden. Wissenschaftlich das All zu erforschen bringt dabei etwa ebensoviel, wie das Wesen des Menschen durch eine Blutuntersuchung bestimmen zu wollen, denke ich. Das heißt nicht, dass man es unterlassen soll. Durch den Nachthimmel sehe ich die von Menschenhand gefertigten Objekte fliegen, Flugzeuge, Satelliten, und eine Raumstation (das hat Stellarium verraten), zielstrebig wie die rotbraunen Ameisen vorhin auf meinem Weg, und genauso ahnungslos.

Allem wohnt eine Schönheit inne, die in gleichem Maße Schrecken birgt. Die ganze Zeit über hat der Wind keine Minute nachgelassen. Er heult, jault, pfeift, lässt die Bäume des kleinen Wäldchens rauschen als prassle Regen auf sie herab, knattert wie ein nasses Bettuch an der Wäscheleine, flüstert, schreit. Ich glaube, ich habe alle Arten von Wind gehört in dieser Nacht, die es gibt. Manchmal will ich aussteigen und den Wind anschreien. Dazu rütteln die Böen am Auto, dass ich meine, gleich hebt es ab. So muss es sein, wenn das Baby noch im Mutterleib ist, es schaukelt hin und her und hat keine Ahnung von dem, was es erwartet. Zum zweiten Mal heute denke ich, es wäre vielleicht besser alles abzubrechen, aber dann siegt die Neugier.

Morgen

Lange bevor es hell wird entsteht im Osten eine Ahnung von dem, was kommt. Anders als beim Sonnenuntergang, dem eine durch die Hitze aufgeladene, melancholische Stimmung inne war, breitet sich jetzt aus der Kälte der Nacht eine Art hoffnungsfrohe Erwartung auf Neues aus. Die Sterne fliehen vor der Sonne, so scheint es. Wolken schwimmen wie flache Inseln im Himmel. Über den Bergen des Appenin zieht langsam ein orangener Streif auf und aus dem Schwarz schälen sich graue Konturen, die immer verständlicher werden. Keinen Wolf gesehen, dafür aber vier Rehe.