PRATOMAGNO – schrecklich schön

Wie ein Hund vor dem Kamin oder der Eingangstür, liegt der Berg Pratomagno in der Landschaft zwischen Valdarno und Casentinotal, zwischen Florenz und Arezzo. Ich stelle mir vor, dass die Schnauze des Hundes nach Arezzo zeigt – für Dante Alighieri waren die Aretiner “botoli ringhiosi”, kleine kläffende Köter. Für mich gleicht der Pratomagno eher einem Drahthaar, ruhig, zäh, eigensinnig, liebevoll, aber schrecklich, wenn man ihn ärgert. Zu Dantes Zeiten gab es die Rasse Drahthaar noch nicht.

Croce al Cardeto, die schmalste Stelle des Pratomagno

Den Bergrücken entlang, auf Seiten des Casentino, führt eine ungeteerte “strada bianca”, die Panoramastraße. Nur an einer einzigen Stelle, beim “Croce al Cardeto” ist der Berg so schmal, dass die Straße sowohl in den Valdarno den Blick freigibt als auch ins Casentinotal. Hier kann man von derselben Stelle den Sonnenuntergang Richtung Florenz und den Sonnenaufgang über La Verna betrachten. Das will ich tun.

Vorbei an der hoch ummauerten Abtei Vallombrosa, die von San Giovanni Gualberto in 1000 Metern Höhe an einem Ort errichtet wurde, der seinerzeit Acquabella genannt wurde, fahre ich auf die Bergkuppe Secchieta (1449 m). Bei den Mönchen in Vallombrosa hatte der junge Galileo als Jugendlicher einige Jahre studiert, bevor er sich entschloss, seinen Sinnen und Berechnungen zu trauen und Kopernikus‘ Theorie vertrat, nämlich dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Blick Richtung Croce al Cardeto (in der Senke) und die Windräder

Beim „Croce al Cardeto“ fließen die Panoramastraße und einige Wanderwege in ein weites, mit borstigen Grasbüscheln bewachsenes Plateau zusammen. Seit Neuem prangt auf einem Wegweiser auch das Tau-Kreuz, die Markierung als Franziskusweg, darüber eine Taube, was “geradeaus” bedeutet und dann das gleiche Bild mit einer nach rechts fliegenden Taube, was nach rechts weist. Spirituelle Angaben sind ja meist mit Vorsicht zu genießen. Geradeaus geht’s nämlich nur ins Gebüsch und obwohl die Himmelsrichtung rechts nach Assisi stimmt, ist es noch ein Stück weit hin – um die 160 Kilometer. Es ist auch fraglich, ob der Hl. Franziskus je hier vorbei gekommen ist.

Während ich die knöchelhohen Wanderschuhe anziehe überlege ich, dass man in der Menschheitsgeschichte sehr viel Aufmerksamkeit dem Kopf und den Gedanken widmet, aber sehr wenig den Füßen und damit den Schuhen, was eigentlich ungerecht ist, denn nur wer bequem voran kommt, kann entsprechend neue Erkenntnisse gewinnen. Wenn die Bauern in Italien – aber auch anderswo – bis nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich in “zoccoli”, Holzschuhen, unterwegs waren, versteht man, dass sie damit keine großartigen Explorationen anstellen konnten. Schuhe stellten über Jahrhunderte ein diskriminierendes Element dar und als Goethe seine Italienische Reise tat, verursachten seine Stiefel in Verona Menschenaufläufe, “da man sich derselben als einer teuren Tracht nicht einmal im Winter bedient”.

Richtung Gipfel

Da die Nachmittagssonne noch hoch steht, wandere ich eine Stunde auf dem Weg “00” Richtung Gipfelkreuz. Der Berg wellt sich steil auf und ab. Auf der geschützteren Seite Richtung Valdarno klettern Buchen- und Mischwälder bis an den Kamm. Die dem Wetter stärker ausgesetzte Flanke des Casentino weist ausgedehnte Flächen mit Ginsterbüschen auf, in denen es prasselt und knackt, wenn die schwarzen Schoten aufspringen und ihre Samen herausschleudern. Immer wieder drehe ich mich danach um, denn es hört sich an, als sei ein Feuer ausgebrochen.

Silberdistel

Im Tal unten ist es um die dreißig Grad heiß und windstill. Hier oben sticht die Sonne, aber es weht ein unvermutet scharfer, böiger Wind, so dass man die Hitze nicht spürt. Die Wälder lässt er rauschen wie das Meer und die robusten Pflanzen und Blumen erinnern ebenfalls an Dünenlandschaften und deren Farben. Silberdisteln säumen den Weg. Ein Engel soll Kaiser Karl dem Groβen im Traum geflüstert haben, sie sei ein Heilmittel gegen die Pest, deshalb der Name „Karlsblume“ und Paracelsus berichtet, wer sie bei der Arbeit bei sich trage, entziehe den anderen Arbeitern ihre Kraft, die dann auf einen selbst übergehe. Jeder legt sich so seine Antworten zurecht.

Ob Windenergie in Italien die richtige Lösung ist?

Rechtzeitig bin ich zurück am Ausgangspunkt, während die Sonne langsam hinter den Berg mit den drei Windrädern gleitet. Zum Gespräch des Windes gesellt sich das gleichmäßige Flap-Flap der Rotorblätter, die sich im Uhrzeigersinn drehen, eines mit größerer Mühe als die anderen. Die Schatten werden schnell länger, eine Falte des Berges greift nach der gegenüberliegenden Seite. Das Prasseln des Ginsters verebbt, die Grillen klingen müder, Vögelchen spielen Fangen, ein Falke rüttelt am Himmel, Ameisen krabbeln über die erhitzten grauen Steine.

Bevor es dunkel wird möchte ich das Zelt aufschlagen, was sich durch den starken Wind jedoch als unmöglich erweist, denn heftige Luftstöße reißen die Heringe, mit denen ich das Zelt verankern will, immer wieder aus dem Boden. Schließlich sehe ich ein, dass ich kein Thoreau bin und so bleibt mir nur das Auto als Herberge.

Rinder weiden frei auf dem Pratomagno.

Der Enttäuschung über den Fehlschlag ist auch Erleichterung beigemischt, denn das Auto bietet doch einen größeren Schutz gegen alles mögliche, denke ich mir. Angst vor dem, was sein könnte, ist immer da. Als ich den kleinen Spaziergang unternahm, hörte ich in einem undurchdringlichen dunklen Zauberwald neben mir Schritte, die ich keinem Tier zuordnen konnte. Reh, Wildschwein oder Wolf, alles kam in Frage und ich bückte mich nach einem spitzen Stein und die Versuchung auf der Stelle umzudrehen war groß. Dann aber sagte ich mir:”Es ist nichts” und ging weiter.

Mit den langen Schatten kommen die Tiere. Schon höre ich ein wie mit Schalldämpfer reduziertes “Muh”. Auf dem Pratomagno weiden Kühe frei und gerade noch sehe ich in geringer Entfernung eine große Braune mit kurzen Hörnern im Ginster verschwinden. Nach wenigen Minuten taucht sie wieder auf, an der Seite ein hungriges Kälbchen. Geduldig steht sie da und behält mich im Auge, während das Kleine es sich schmecken lässt. Eine Bache überquert mit ihren Frischlingen die Straße. Im silbrig blauen Licht der Dämmerung wirken die Szenen idyllisch. Aber die Natur kann auch anders und ich mache mich darauf gefasst.

Mama vorneweg, die Kinderchen hinterher.

Die Nacht senkt sich herab, ein schmaler Sichelmond erscheint und der Abendstern. Der Wind macht keine Anstalten abzuflauen. Ich bin allein, und noch ist es mir angenehm. Zweimal hatten vorher kurz Autos angehalten, einmal stieg ein junges verliebtes Pärchen aus, das andere Mal zwei Männer und eine Frau, machten Selfies vor dem Panorama, wobei ich mich frage, welchen Sinn solche Schnappschuss-Erinnerungen wohl machen, ob da wirklich Emotionen geweckt werden? Aber es muss ja nur Sinn für sie machen und nicht für mich.

Richtung Valdarno und Florenz

Dann fährt ein Van mit drei Männern vor und ich hoffe, sie bleiben nur kurz, aber sie beginnen Geräte auszupacken. So gehe ich auf sie zu und bin überrascht und beruhigt, als ich unter ihnen einen Freund erkenne. Es sind Hobbyfotografen, die die Milchstraße aufnehmen wollen. Bereitwillig zeigen sie mir ihre Kameras und das Programm Stellarium, mit dem man vom eigenen Standpunkt die genaue Position der Sternbilder hervorragend sehen kann. Dann wird gegessen und selbstverständlich bieten sie mir davon an.

Mit der Nacht ist der Wind eisig geworden und die Temperaturen sinken weiter bis gefūhlte unter 10 Grad. Mich erstaunt die Leidenschaft, mit der die Drei stundenlang im tönenden Brausen mit ihren Kameras und Stativen hantieren, die Finger steif vor Kälte und die Ohren gefühllos. Um Mitternacht fahren sie nach Hause.

Auf der Suche nach der Milchstraße

 

Jetzt bin ich allein. Sehr und wirklich. Ich versuche es mir so bequem wie möglich im Auto zu machen und schaue in den Himmel. Hell leuchten die Sterne, gut sieht man die Sternbilder, die ja nur Versuche sind, unsere Welt nach da oben zu projizieren. Langsam und ungerührt vom individuellen Schicksal bewegt sich das Bild. Ein immenses Schauspiel, dem der Zuschauer egal ist. Vor dieser Kulisse braucht es Chuzpe oder Naivität zu sagen, man wolle den Sinn darin finden. Wissenschaftlich das All zu erforschen bringt dabei etwa ebensoviel, wie das Wesen des Menschen durch eine Blutuntersuchung bestimmen zu wollen, denke ich. Das heißt nicht, dass man es unterlassen soll. Durch den Nachthimmel sehe ich die von Menschenhand gefertigten Objekte fliegen, Flugzeuge, Satelliten, und eine Raumstation (das hat Stellarium verraten), zielstrebig wie die rotbraunen Ameisen vorhin auf meinem Weg, und genauso ahnungslos.

Allem wohnt eine Schönheit inne, die in gleichem Maße Schrecken birgt. Die ganze Zeit über hat der Wind keine Minute nachgelassen. Er heult, jault, pfeift, lässt die Bäume des kleinen Wäldchens rauschen als prassle Regen auf sie herab, knattert wie ein nasses Bettuch an der Wäscheleine, flüstert, schreit. Ich glaube, ich habe alle Arten von Wind gehört in dieser Nacht, die es gibt. Manchmal will ich aussteigen und den Wind anschreien. Dazu rütteln die Böen am Auto, dass ich meine, gleich hebt es ab. So muss es sein, wenn das Baby noch im Mutterleib ist, es schaukelt hin und her und hat keine Ahnung von dem, was es erwartet. Zum zweiten Mal heute denke ich, es wäre vielleicht besser alles abzubrechen, aber dann siegt die Neugier.

Morgen

Lange bevor es hell wird entsteht im Osten eine Ahnung von dem, was kommt. Anders als beim Sonnenuntergang, dem eine durch die Hitze aufgeladene, melancholische Stimmung inne war, breitet sich jetzt aus der Kälte der Nacht eine Art hoffnungsfrohe Erwartung auf Neues aus. Die Sterne fliehen vor der Sonne, so scheint es. Wolken schwimmen wie flache Inseln im Himmel. Über den Bergen des Appenin zieht langsam ein orangener Streif auf und aus dem Schwarz schälen sich graue Konturen, die immer verständlicher werden. Keinen Wolf gesehen, dafür aber vier Rehe.

 


COSPAIA: fast 400 Jahre eine Republik

Im April 1815 brach der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa aus und riesige Mengen Asche und Schwefelgas wurden über die ganze Erde verteilt, was auch in Europa zum “vulkanischen Winter” mit heftigen Ernteausfällen und Hungersnöten führte.

Cospaia liegt heute in der Gemeinde San Giustino in Umbrien an der Grenze zur Toskana

Gleichzeitig wurde nach Napoleons Untergang auf dem Wiener Kongress die Neuordnung Europas beschlossen. Danach blieben im Einflussgebiet Europas und der westlichen Hemisphäre im Wesentlichen vier Republiken bestehen: die Vereinigten Staaten von Amerika, die Schweiz, San Marino – und Cospaia. Wie, kennen Sie nicht? Dabei hatte die Republik von Cospaia fast 400 Jahre Bestand.

Gleich hinter der heutigen Grenze zwischen der Toskana und Umbrien fließen in der ausgedehnten Ebene des Valtiberina die Städtchen Sansepolcro und San Giustino ineinander und am Wegrand steht ein verrostetes Schild, das auf Cospaia verweist.

Anfang des 15. Jahrhunderts gehörte die Ecke dem Kirchenstaat, aber Papst Eugen IV brauchte dringend Geld und um von den Medici 25.000 Florin Kredit zu erhalten, hinterlegte er als Sicherheit einige Ländereien. Es kam wie es kommen musste, der Papst konnte nicht zurückzahlen und die Grenzen zwischen Kirchenstaat und Florenz mussten neu festgelegt werden. Beide schickten ihre Kommissionen von Landvermessern.

Ein schmaler Streifen ist das Land zwischen den Flüsschen, die beide den Namen „Rio“ trugen.

Als Grenze wurde im Süden ein Zufluss des Tiber namens Rio festgeschrieben und auch die Florentiner Kommission notierte dies. Allerdings gab es zwei Flüsschen mit diesem Namen und jede Kommission setzte den ihr nächstgelegenen als Grenze fest. Dazwischen blieb ein Streifen Land von 330 Hektar, ca 700 Metern Breite und einigen Kilometern Länge übrig und darin das kleine Dorf Cospaia auf einem Hügel, in dem ca. 350 Leute wohnten.

Blick aufs Valtiberina

Die Einwohner zögerten angesichts des bürokratischen Malheurs nicht lang und erklärten 1441 ihre Unabhängigkeit. Das brachte einige Vorteile: keine Steuern, Abgaben oder Zölle mehr. Obwohl die Einwohner fast alle Analphabeten waren, die nach wie vor vom Tauschhandel lebten, brachten sie es mit der Zeit durch die Steuerbefreiung zu einigem Wohlstand. Sie achteten darauf, mit ihren Nachbarstaaten in gutem Einvernehmen zu leben. Regiert wurden sie von einem Ältestenrat und einer Vertretung der Familien.

Leitspruch der Republik von Cospaia: perpetua et firma libertas

Im Jahr 1574 ereignete sich eine einschneidende Neuerung: der Bischof Tornabuoni von Sansepolcro erhielt von einem Verwandten aus Paris die Samen einer Pflanze, von der man sich medizinische Wunderdinge versprach – Tabak. Man begann auf den Feldern von Cospaia Tabak anzubauen.

So groß der Erfolg des Pflänzchens auch war, bei der Kirche fiel der Tabak in Ungnade und 1642 drohte Papst Urban VIII mit der Exkommunizierung der Raucher und ein anderer Papst belegte 1724 den Anbau von Tabakpflanzen mit Abgaben. Worte und Gesetze des Papstes galten natürlich nicht für die Republik von Cospaia mit ihrem schwarz-weißen, diagonalen Wappen und dem Leitspruch “Perpetua et Firma Libertas”.

Cospaia wurde das Mekka der Raucher – hier konnte nach Herzenslust angebaut, gehandelt und gequalmt werden. Was mit der Zeit allerdings eine Menge Schmuggler anzog. Die Mächtigen begannen langsam, sich an dem Mini-Staat zu stören und sannen darauf, wie man “die Anomalie” beseitigen könnte.

Die Wirtschaft von Cospaia erblühte in der Zwischenzeit. Im Jahr 1815 war aus dem winzigen Dorf ein Handelsumschlagplatz – vor allem von Stoffen und Kolonialwaren – geworden, da es ja keine Steuern oder Zölle gab. Schließlich riss dem Papst der Geduldsfaden und zusammen mit dem Großherzogtum Toskana hungerten sie die Bevölkerung aus, bis die 14 verbliebenen Familienoberhäupter den “Akt der Unterwerfung” unterzeichneten. Als kleines Feigenblatt gestatteten sie Cospaia weiterhin bis zu einer halben Million Tabakpflanzen anzubauen und der Papst schenkte den Einwohnern je eine Silbermünze als Gegenleistung für die aufgegebene Freiheit. Die Münze wurde von den Einwohnern ironisch “Papetta – Päpstchen” genannt. Bis 1826 – 385 Jahre lang – hat Cospaia sich seine Freiheit und Republik bewahrt. Tabak wird hier heute noch angepflanzt.