DANTE ALIGHIERI

Der somma poeta wäre gern als solcher im prestigeträchtigen Baptisterium in Florenz geehrt worden. Aber die Dinge liefen anders. Nachdem der Dichter aus aristokratischem, reichen Haus unbedingt in die Politik wollte, musste er sich im ausgehenden 13. Jahrhundert gezwungenermaßen in eine Gilde einschreiben. Er wählte die der Mediziner und Gewürzhändler / Apotheker. Dichter dichten ja auch oft von Menschen und deren Befindlichkeiten, das passte dann einigermaßen.

Das jüngste Gericht in der Taufkirche. Hier inspirierte sich Dante für die „Göttliche Komödie“.

Für seine Partei der Guelfen zog Dante in vorderster Linie in die Schlacht von Campaldino in der Ebene vor Poppi, wo die Florentiner endgültig Arezzo und damit die Ghibellinen schlugen. Florenz hatte gesiegt, aber anstatt den Frieden zu feiern, spalteten sich die kirchentreuen Guelfen  prompt in weiße – denen Dante angehörte – und schwarze – eine erzkonservative Aristokratensippe. Pikanterweise gehörte die Familie von Dantes Frau Gemma Donati zu den Anführern der schwarzen Guelfen, so dass vermutet werden kann, dass der Haussegen bei den Alighieris schief hing. Nach einigem Hin und Her wurde Dante verbannt. Seine Frau Gemma blieb in Florenz.

Florenz war eine sehr reiche Stadt mit eigener Währung, dem Fiorino.

Zwanzig Jahre im Exil begannen, wobei Dante kontinuierlich nach Möglichkeiten suchte, in sein Florenz zurückzukehren – aber ohne Erfolg. Von einer Stadt und Burg zur anderen hetzte er, Verona, Padua, Treviso, Casentino, Ravenna, wo er schließlich 1321 an einem malarischen Fieber starb, das er sich in den sumpfigen Lagunen von Comacchio geholt hatte.

Dantes Stein: hier – heißt es – saß er immer und sah zu, wie der Dom von Florenz gebaut wurde. Eines Tages kam ein fremder Kaufmann, der gehört hatte, dass Dante ein tolles Gedächtnis habe und ihn auf die Probe stellen wollte. Der Kaufmann fragte deshalb:“Was ist dein Lieblingsgericht.“ – Dante:“Eier“. Nach mehreren Monaten kam der Fremde wieder vorbei, Dante saß wie gehabt auf dem Stein und ohne Umschweife fragte der Kaufmann:“Wie isst du sie?“ und Dante:“Mit Salz“.

Bekannt ist Dante natürlich für seine Liebeslyrik, wobei man glaubt, in der Angebeteten Beatrice Portinari ausmachen zu können. Die Familie der Portinari frequentierte jedenfalls eine Kirche gleich um die Ecke wo Dante wohnte. In seinen Werken – namentlich der “Vita Nova” – berichtet Dante, dass er Beatrice nur zweimal gesehen habe, einmal mit neun Jahren und einmal mit achtzehn. Sie wurde dann an einen Bardi verheiratet und starb mit vierundzwanzig Jahren. Im Folgenden enthüllte Dante, dass seine Geliebte die Philosophie sei. Die Liebe zu einer realen Frau zog er nicht mehr in Betracht – zumindest in seiner Dichtung.


DANTES ZUFLUCHT – Form und Raum

Das erste Mal hatte ich den Ort vor einem Jahr besucht und war sofort eingenommen: mittelalterliche Häuschen, eng aneinander gekuschelt zu Füßen einer Burg, von der wenig mehr als ein Turm übrig ist. Dazwischen eine weite Wiese mit Brunnen, wie man sich das Rapunzel-Märchen einbildet. Die Sensationen waren friedlich, freundlich und noch mehr: einladend, beschützend.


Jetzt wieder. Der Blick schweift hinüber zur anderen Burg des Tals, nach Romena und dann weiter zur Burg von Poppi, Vorbild für den Palazzo Vecchio in Florenz. Eine Kette von Formen im Raum, die Sicherheit gibt. Die Burgen der Conti Guidi erlebten ihre Glanzzeit im ausgehenden Mittelalter. Nachdem Dante Alighieri aus Florenz verbannt wurde, fand er für eine gewisse Zeit hier Zuflucht. Und schrieb, neben anderem, an der “Göttlichen Komödie”.

Die Sonne geht in Richtung La Verna auf, da wo der Hl. Franziskus der Sage nach 1224 die Stigmata empfing, als er sich in die schroffe Felslandschaft inmitten von Buchen- und Tannenwäldern zurückzog. Am Morgen ergießen sich die Sonnenstrahlen wie Milchströme ins Tal und berühren zuerst Romena, dann Poppi und schließlich Porciano.


Abends geht die Sonne hinter dem Pratomagnoberg und dann noch weiter rechts dort unter, wo eine Autostunde entfernt Florenz liegt. Wohin mag Dante bevorzugt geblickt haben? Ins Casentinotal, wo er selbst vor Poppi in der Schlacht von Campaldino mitgekämpft hat und Teil hatte am Sieg von Florenz, der alles was danach kam, Humanismus und Renaissance, erst ermöglichte? Seine eigene Vergangenheit lag Dante hier vor Augen.

Oder blickte er Richtung Pratomagnogebirge und beobachtete den Sonnenuntergang, wenn die Schwalben auf dem Turm zwischen den Zinnen hindurchflogen, als spielten sie Fangen und gedachte Florenz hinter dem Berg, seiner Heimat, die so nah lag und die er doch nie wiedersehen würde?


Ich frage mich auch, ob Dante Rechts- oder Linkshänder war, ob er vormittags oder nachmittags arbeitete? Denn die steinernen Fensterbänke in der Burg sind so ausgerichtet, dass die Sonne morgens von links einfällt und somit die Rechtshänder bevorzugt, nachmittags wiederum auf der anderen Seite die Linkshänder.


Die Geschichte der Burg ist auch die Liebesgeschichte zwischen der Florentinerin Flaminia Goretti de‘ Flamini und dem Amerikaner George Specht, die sich im Krieg kennenlernten und nachher gemeinsam die Burg wieder aufbauten und zu neuem Leben erweckten. Ihre Tochter Martha führt die Burg heute.


Einsam und aufrecht blickt der Turm übers Tal. In seinem Schatten steht die Zeit still. Wo die meisten Orte etruskischen Ursprung verraten – Bibbiena, Romena, Ornina, Rassina – werden bis heute Handwerkskunst und alte Traditionen bewahrt. Die charakteristische Keramik der Gegend mit etruskischen Motiven ist wie die Architektur der Burgen massig und wirkt doch leicht und verspielt. Wandern (in Gesellschaft von Eseln als Schrittmacher! – ich meine tatsächlich die Tiere, nicht etwaige Begleitung), Radfahren, oder Reiten sind beliebte Aktivitäten. Die kulinarischen Spezialitäten des Casentinotals sind berühmt und immer mehr Winzer pflanzen wieder autochthone Reben an. Die Städte Stia, Pratovecchio, Poppi, Bibbiena lohnen einen Ausflug, genau wie die spirituellen Orte La Verna oder Camaldoli.


Baden kann man 500 Meter entfernt im Fluss Arno, der hier noch sauber ist, da er unweit seine Quelle hat. Rapunzeln wie im Märchen habe ich übrigens keine gesehen. Aber Bergminze in Fülle und die verleiht den Gerichten eine besondere Note.