COSPAIA: fast 400 Jahre eine Republik

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on PinterestPrint this pageEmail this to someone

Im April 1815 brach der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa aus und riesige Mengen Asche und Schwefelgas wurden über die ganze Erde verteilt, was auch in Europa zum “vulkanischen Winter” mit heftigen Ernteausfällen und Hungersnöten führte.

Cospaia liegt heute in der Gemeinde San Giustino in Umbrien an der Grenze zur Toskana

Gleichzeitig wurde nach Napoleons Untergang auf dem Wiener Kongress die Neuordnung Europas beschlossen. Danach blieben im Einflussgebiet Europas und der westlichen Hemisphäre im Wesentlichen vier Republiken bestehen: die Vereinigten Staaten von Amerika, die Schweiz, San Marino – und Cospaia. Wie, kennen Sie nicht? Dabei hatte die Republik von Cospaia fast 400 Jahre Bestand.

Gleich hinter der heutigen Grenze zwischen der Toskana und Umbrien fließen in der ausgedehnten Ebene des Valtiberina die Städtchen Sansepolcro und San Giustino ineinander und am Wegrand steht ein verrostetes Schild, das auf Cospaia verweist.

Anfang des 15. Jahrhunderts gehörte die Ecke dem Kirchenstaat, aber Papst Eugen IV brauchte dringend Geld und um von den Medici 25.000 Florin Kredit zu erhalten, hinterlegte er als Sicherheit einige Ländereien. Es kam wie es kommen musste, der Papst konnte nicht zurückzahlen und die Grenzen zwischen Kirchenstaat und Florenz mussten neu festgelegt werden. Beide schickten ihre Kommissionen von Landvermessern.

Ein schmaler Streifen ist das Land zwischen den Flüsschen, die beide den Namen „Rio“ trugen.

Als Grenze wurde im Süden ein Zufluss des Tiber namens Rio festgeschrieben und auch die Florentiner Kommission notierte dies. Allerdings gab es zwei Flüsschen mit diesem Namen und jede Kommission setzte den ihr nächstgelegenen als Grenze fest. Dazwischen blieb ein Streifen Land von 330 Hektar, ca 700 Metern Breite und einigen Kilometern Länge übrig und darin das kleine Dorf Cospaia auf einem Hügel, in dem ca. 350 Leute wohnten.

Blick aufs Valtiberina

Die Einwohner zögerten angesichts des bürokratischen Malheurs nicht lang und erklärten 1441 ihre Unabhängigkeit. Das brachte einige Vorteile: keine Steuern, Abgaben oder Zölle mehr. Obwohl die Einwohner fast alle Analphabeten waren, die nach wie vor vom Tauschhandel lebten, brachten sie es mit der Zeit durch die Steuerbefreiung zu einigem Wohlstand. Sie achteten darauf, mit ihren Nachbarstaaten in gutem Einvernehmen zu leben. Regiert wurden sie von einem Ältestenrat und einer Vertretung der Familien.

Leitspruch der Republik von Cospaia: perpetua et firma libertas

Im Jahr 1574 ereignete sich eine einschneidende Neuerung: der Bischof Tornabuoni von Sansepolcro erhielt von einem Verwandten aus Paris die Samen einer Pflanze, von der man sich medizinische Wunderdinge versprach – Tabak. Man begann auf den Feldern von Cospaia Tabak anzubauen.

So groß der Erfolg des Pflänzchens auch war, bei der Kirche fiel der Tabak in Ungnade und 1642 drohte Papst Urban VIII mit der Exkommunizierung der Raucher und ein anderer Papst belegte 1724 den Anbau von Tabakpflanzen mit Abgaben. Worte und Gesetze des Papstes galten natürlich nicht für die Republik von Cospaia mit ihrem schwarz-weißen, diagonalen Wappen und dem Leitspruch “Perpetua et Firma Libertas”.

Cospaia wurde das Mekka der Raucher – hier konnte nach Herzenslust angebaut, gehandelt und gequalmt werden. Was mit der Zeit allerdings eine Menge Schmuggler anzog. Die Mächtigen begannen langsam, sich an dem Mini-Staat zu stören und sannen darauf, wie man “die Anomalie” beseitigen könnte.

Die Wirtschaft von Cospaia erblühte in der Zwischenzeit. Im Jahr 1815 war aus dem winzigen Dorf ein Handelsumschlagplatz – vor allem von Stoffen und Kolonialwaren – geworden, da es ja keine Steuern oder Zölle gab. Schließlich riss dem Papst der Geduldsfaden und zusammen mit dem Großherzogtum Toskana hungerten sie die Bevölkerung aus, bis die 14 verbliebenen Familienoberhäupter den “Akt der Unterwerfung” unterzeichneten. Als kleines Feigenblatt gestatteten sie Cospaia weiterhin bis zu einer halben Million Tabakpflanzen anzubauen und der Papst schenkte den Einwohnern je eine Silbermünze als Gegenleistung für die aufgegebene Freiheit. Die Münze wurde von den Einwohnern ironisch “Papetta – Päpstchen” genannt. Bis 1826 – 385 Jahre lang – hat Cospaia sich seine Freiheit und Republik bewahrt. Tabak wird hier heute noch angepflanzt.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.