60 Jahre Römische Verträge. Momentaufnahmen aus 30 Jahren.

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Wie geballte Fäuste dampfen die Wolken in den Himmel. Es ist noch nicht sieben Uhr und bereits warm wie im Mai, dabei haben wir erst Ende März. Die Sonne will gar nicht richtig wach werden und dümpelt diesig vor sich hin.

strada

Rom kenne ich seit Anfang der 90er Jahre. Ein paar Monate habe ich dort gelebt und dann immer wieder besucht. Die 90er waren ein Nachhall der 80er, letzte Zuckungen eines auf Pump finanzierten Wohlstandes. Illegale Autorennen und die Anarchie der Innenstadt, wo es relativ leicht war, sich die blaue Sirene der Staatsdienstwagen zu beschaffen und damit das Privileg des wilden Parkens. Wohlstand schien noch möglich und mit Beziehungen leicht herzustellen, trafficanti allerorten. Mit der Regierung Berlusconi wurde die Korruption unverhüllt betrieben, die Auslagen in den Geschäften wurden dagegen immer schäbiger.

polizia

Ende der 90er zog ich nach Italien. Frappierend war, wie prekär die jungen Leute lebten, Festanstellung schon damals für viele ein Wunschtraum, die Politik der Liberalisierung schaffte Legionen freier Mitarbeiter und Kurzzeitverträge. Mit dem Euro ging die Schere zusätzlich auf. Deutsche Journalisten verdienten das Doppelte oder sogar ein Vielfaches im Vergleich zu italienischen Kollegen. Die andere Seite gab es natürlich auch: praktisch unkündbare Angestellte oder Staatsbedienstete, privilegienverwöhnte Berufsgruppen, Bahn- und Gemeindeangestellte, die bis weit in die 90er Jahre mit 40 Jahren in die sogenannte “Baby-Pension” gingen.

Auf deutscher Seite erstaunt die fortschreitende Unkenntnis der italienischen Wirklichkeit. Wie unbeschwert vom eigenen Standpunkt her ge- und verurteilt wird. So flammen Vorurteile auf beiden Seiten wieder auf und werden geschürt. Seit der Wirtschaftskrise 2008 wird wieder intensiv der deutschen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg gedacht. Angela Merkel und die vom Klassenprimus oktroyierte Sparpolitik sind ein rotes Tuch.

zuccari

Am Bahnhof in Rom gibt es keine Taxis, denn die streiken heute. Italien als Tourismusland ist in einem tiefen Umbruch begriffen, den aber viele noch nicht wahrhaben wollen, schon gar nicht die Politiker. Die Sharing Economy greift um sich, bei der Zimmervermittlung, bei Taxis, bei Home Restaurants und demnächst wahrscheinlich auch bei Touristenführern. Die Kunden sind es zufrieden, wenn sie ein billiges Zimmer oder Mitfahrgelegenheit finden. Die Anbieter zahlen unvergleichbar weniger Steuern und werden nicht kontrolliert wie professionelle Anbieter. Ein Agriturismo auf dem Land kann von sechzehn verschiedenen Instanzen kontrolliert werden – mit den damit verbundenen Kosten, Abgaben, obligatorischen Kursen. Eine Taxilizenz in Rom kostet 150.000 Euro. Bei einer Konkurrenz wie Uber, Blabla Car und so weiter wird sich das kaum mehr amortisieren.Auf lange Sicht führt das zu weniger Professionalität und weniger Service, weniger Einnahmen für den Staat und Machtkonzentration in den Händen einiger weniger Webseitenanbieter.

Als Italien-Erfahrene weiß ich mittlerweile aus leidvoller Erfahrung, dass das Wichtigste in Rom bequeme Schuhe sind. So geht’s eben zu Fuß zum Senat, was vom Bahnhof eine gute halbe Stunde bedeutet. Eine Lappalie für mich, für die mit schweren Koffern herumirrenden Touristen und Kinderwagen schiebenden Mütter keine angenehme Erfahrung, geschweige denn für die Rollstuhlfahrer auf der Via Nazionale.

schuessel

Auf dem erzwungenen Spaziergang fallen vor allem die Bettler ins Auge. Viele, sehr viele. Mehr als die Jahre und Jahrzehnte zuvor. Und jede Menge Polizia, Carabinieri und Esercito. Der Senat scheint – bis auf den Sicherheitsbereich, die Monitore für die Übertragung der Reden und die Audioboxen für die Simultanübersetzung – irgendwo in den 50er Jahren stehengeblieben zu sein, inklusive Wandtapeten. Außenminister Alfano referiert die Punkte Sicherheitsdenken, das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten (was de facto ja schon so ist und allein deswegen keine Vision darstellen kann) und schürt die italienische Urangst “wenn Italien aus dem Euro aussteigt, dann werden die Häuser nur mehr die Hälfte wert sein”. In Italien sind über 76% der Familien Hauseigentümer. Plötzlich soll die Stärkung des Europa-Gedankens von der “Generation Erasmus” ausgehen, den jungen Leuten, die mobil in ganz Europa studieren und andere Länder kennenlernen. Eine schöne Hoffnung, aber der italienische Arbeitsmarkt bietet keine entsprechenden Chancen für gut ausgebildete junge Leute. Ex-Kanzler Schüssel aus Österreich mahnt, dass Europa dringend Investitionen braucht. In diesen Mauern wirkt Europa wirklich alt und müde. Von hier sind wenig Impulse zu erwarten. Dabei ist die europäische Idee, würde man sie denn mit Leben füllen anstatt nur mit Geld, die einzig wahre.

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