VERSCHLUCKT vom grünen Paradies

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Im Italienischen heißt es: “il tempo vola” – die Zeit fliegt. Im Urlaub ist man besonders gehalten, die Zeit zu optimieren und die erinnerungswürdigste Erfahrung in der knappsten Zeit zu machen – dazu noch gut ausgeschildert.

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Wandermöglichkeiten zwischen Vaggio, Montanino und Reggello

All dies finde ich heute nicht, als ich bei Vaggio anfange, die sandsteinernen Hügel zu erkunden, die “Balze” genannt werden. Schilder gibt es keine, die Wege verlieren sich nach einigen hundert Metern in dichtem Gebüsch und großartige Erlebnisse kann ich auch nicht verbuchen. Und doch regt dieser morgendliche Ausflug ins Unbekannte jenseits der letzten Häuser der Ortschaft zum Nachdenken an.

Parken kann man neben der Kirche und ein breiter Feldweg (auf der Karte blau markiert) führt direkt auf die Balze zu. Neben dem Weg liegen dicht an dicht Gärten, in denen Tomaten, Zucchini und Salat angebaut werden, Obstbäume finden sich und Mais. Man sieht, wie viel Arbeit sich die Hobbygärtner und Rentner machen, die bereits zur frühen Stunde, berieselt von einem krächzenden Radio, ihre Pflanzen wässern. Ein Geheimnis der toskanischen Küche liegt in den hervorragenden lokalen Zutaten.

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Eingezäunte Gärten säumen den Weg

Als ich einen alten Mann mit jungenhaft glattem Gesicht frage, ob der Weg zu einem Ziel führe, zuckt der resigniert mit den Schultern:”I tempi son cambiati” – Die Zeiten haben sich geändert. Er erzählt mir, wie die Kinder in den 50er Jahren oft eine Stunde zu Fuß in die Grundschule laufen mussten, wie Stimmen von den Hügel ringsum schallten, denn die Bauern bewirtschafteten die Felder.

Heute begegne ich den ganzen Morgen über – abgesehen von dem Alten – niemandem. Ich gehe geradeaus und der Weg führt in den Wald. Kaum lasse ich die befahrbare Straße hinter mir und tauche ein ins Grün, holt die Natur sich das einst entzogene Terrain zurück, Äste wuchern auf Augenhöhe und der Weg ist von vergangenen Regengüssen gezeichnet. An einer Gabelung halte ich mich links und steige ins Tal hinab.

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Unten im Tal

Zuerst nehme ich wahr, wie viele verschiedene Arten von Grün es gibt. Die üppigen Büsche, Farne und Bäume deklinieren Farbtöne, die die Kamera nicht annähernd imstande ist abzubilden. Kein Auto ist mehr zu hören. Kein von Menschen erzeugter Laut. Dafür hebt ein durchdringendes Konzert der Vögel an, Amseln warnen, der Kuckuck ruft. Über mir schwebt ein Falke, eine Krähe schreit ihr durchdringendes Kra-Kra. Am Wegrand raschelt es, Eidechsen huschen hin und her. Ein Fasanenmännchen versucht mit wiederholtem Gock-Gock ein Weibchen anzulocken, das sich allerdings nicht blicken lässt. An einem verfallenden Haus kläffen mich zwei weiße Maremmanerhunde wütend an, so dass ich beschließe umzukehren.

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Detail der wie Stalagmiten oder Stalaktiten wirkenden Balze

Mit dem Auto fahre ich Richtung Montanino und biege beim Schild “Rio di Luco” ab, um mich von der anderen Seite den Balze zu nähern (auf der Karte gelb markiert). Dieser Einstieg ist einfach, die Straße bisweilen sogar asfaltiert, ein ebener Weg entlang einem Bächlein lädt ein zu einem bequemen Spaziergang. Ein weiblicher Fasan kreuzt die Straße. Ob sie ihren männlichen Kollegen finden wird, der ungefähr einen Kilometer weiter auf sie wartet? Ich gelange von dieser Seite an die Rückseite des Hauses mit den Maremmanerhunden. Auch auf diesem nicht näher als Wanderweg gekennzeichneten Weg hat man einen schönen Blick auf die Balze.

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Blick auf die Balze von Reggello kommend

Auf einer älteren Karte sind in dem Gebiet Höhlen verzeichnet, in denen früher Lebensmittel gelagert wurden, oder sich im Zweiten Weltkrieg Partisanen versteckten. Von Reggello kommend (grüne Markierung) möchte ich noch herausfinden, ob die Höhlen auffindbar sind. Um es kurz zu machen: nicht von mir. Auch hier ist der Weg Richtung Balze ein Sprung in die Natur. Zwei Rehe verharren reglos und schauen mich an, bevor sie in die entgegengesetzte Richtung in den nächsten Wald verschwinden.

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Ein Reh fixiert mich sekundenlang, bevor es in den Wald zurückspringt

Eine zugegebenermaßen wenig touristische Erfahrung, dieser Morgen. “Die Zeit fliegt”- und ich frage mich, wohin sie geflogen sein mag.

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